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Pferdehufe: 20 Irrtümer über weiße Hufe, lange Eisen und die Bedeutung des Strahls ein Bericht von Regina Käsmayr

Pferde haben vier Hufe und müssen regelmäßig zum Schmied. So weit sind sich noch alle Reiter einig. Was alles andere angeht, kursieren serienweise Ammenmärchen über den Pferdefuß, der eigentlich eine Zehenspitze ist. Gemeinsam mit dem staatich geprüften Hufschmied Klaus Grimm haben wir die  20 häufigsten Irrtümer zusammengefasst.


Irrtum 1: Weiße Hufe sind schlechter. Ist ein Huf weiß, so liegt das einzig und allein daran, dass im Horn keine Farbpigmente enthalten sind. Das gleiche gilt für die Haut unter allen weißen Abzeichen am Körper. Farbpigmente haben aber nichts mit Festigkeit zu tun. Dass immer noch viele Pferdebesitzer an die Schauergeschichten über weiße Hufe glauben, liegt einzig und allein daran, dass man Druckstellen, Hämatome und andere Veränderungen bei hellen Hufen besser und schneller sieht. In der Natur gibt es übrigens keine weißen Hufe. Diese Mutation ist ein reines Zucht-Produkt.

Irrtum 2: Jeder Huf trägt ein Viertel Pferd. Das hieße bei einem Warmblut von 600 Kilogramm Gewicht, dass jeder Huf 150 kg tragen müsste. Stimmt schon allein deshalb nicht, weil das Pferd in natürlicher Selbsthaltung 60 Prozent seines Gewichts auf der Vorhand trägt und nur 40 Prozent auf der Hinterhand. Dazu kommt noch die unterscheidliche Fußfolge der jeweiligen Gangarten. So stützt sich das Pferd im Galopp teilweise auf drei Beinen ab, teilweise aber auch nur auf einem. Der britische Hufschmied Gail Williams hat unter Einbeziehung sämtlicher Kräfte, wie beispielsweise der Fliehkraft im Galopp, berechnet, dass Hufe in der Einbeinstütze bei Spitzengeschwindigkeit bis zu 1000 kg tragen.

Irrtum 3: Acht Nägel in acht Löcher. Ein Schmied, der alle acht Löcher eines Hufeisens mit Nägeln füllt, hat noch nie etwas vom Hufmechanismus gehört. Bei jedem Schritt dehnt und weitet sich der Huf. Diese Formveränderung sorgt für die notwenidge Durchblutung des komplizierten Konstrukts im Inneren. Ein Beschlag vermindert den Hufmechanismus ohnehin. Bringt der Schmied allerdings nur drei Nägel auf jeder Seite ein, so bleibt der Bereich von den Trachten bis zur breitesten Stelle in der Mitte des Hufs unversehrt. Hier findet die stärkste Dehnung statt. Die siebte und achte Bohrung gibt es nur aus dem Grund, weil bei brüchigem Horn oder anderen Hufkrankheiten eine Ausweichmöglichkeit für Nägel da sein muss. Es bringt übrigens nichts, wenn ein Schmied die vorletzte Bohrung auslässt und stattdessen die letzte benutzt. Auch das schränkt den Hufmechanismus ein.

Irrtum 4: Druck auf den Strahl ist wichtig. Nach neuesten Erkenntnissen stimmt es nicht, dass der Druck auf den Strahl zwingend für den Hufmechanismus ist. Bisher hat man angenommen, der Hufmechanismus entstünde allein dadurch, dass in der Bewegung der Strahl wie ein Schwamm zusammengequetscht würde und dadurch eine Durchblutung stattfindet. Vielmehr scheint es nun so zu sein, dass vom Boden her äußere Druckkräfte auf alle unteren Teile des Hufes einwirken und von innen heraus das Gewicht des Pferdes das Hufbein leicht nach unten drückt. Berührt der Strahl den Boden nicht, so leiten eben Tragrand, Sohle und evtl. Eckstreben die Druckkräfte nach innen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man den Strahl einfach nach Belieben hochschneiden darf. Damit nimmt man dem Huf eine wichtige „Federung“ und begünstigt Zwanghufe und Stellungsfehler.

Irrtum 5: Der Schmied kann allein aufheben. Aufheben ja, aber nicht plan ausschneiden. Weil der Schmied beim Aufheben das Bein zwischen seine Knie klemmt, muss er es ein Stück weit unter dem Pferdekörper heraus in seine Richtung ziehen. Dadurch ist das Bein im Karpalgelenk abgeknickt und die untere Hälfte des Hufs ist nicht mehr parallel zum Horizont, sondern ebenfalls leicht abgeknickt. Das Ergebnis sind meist Hufe, deren äußere Wand höher ist als die innere – das führt zu einem falschen Abrollpunkt, einer ungleichen Lastaufnahme und nicht selten zu Chipfrakturen oder Sehnenproblemen.

Irrtum 6: Vorn 45 Grad, hinten 55 Grad. Laut Bilderbuch stimmt es, dass Vorderhufe einen Zehenwinkel von 45 Grad haben, Hinterhufe einen von 55 Grad. In der Realität sind Abweichungen bis zu 15 Grad völlig normal. Wichtig ist vielmehr, dass der Winkel des Hufs mit dem der Fessel übereinstimmt und beide Vorderhufe denselben Winkel haben, ebenso beide Hinterhufe. Kontrollieren und nachmessen kann man den Wert mit einem Hufwinkelmesser.

Irrtum 7: Ein Ballentreter tritt eben gut unter. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ein fleißig untertretendes Pferd tritt zwar mit den Hinterhufen in die Spur seiner Vorderhufe – oder sogar darüber hinaus – aber erst, wenn der Vorderfuß längst wieder abgehoben hat. Kommt es stattdessen zum berüchtigten „Klack“-Geräusch, so kann das verschiedene Ursachen haben. Erstens: Das Pferd ist im Rücken extrem kurz. Zweitens: Das Pferd ist überanstrengt und müse. Drittens: Es gibt Rittigkeitsprobleme wie das „Laufen auf der Vorhand“. Viertens: Die Zehen der Hinterhufe sind zu lang. Fünftens: Die Schenkel der vorderen Hufeisen sind zu lang.

Irrtum 8: Hufrolle ist eine Krankheit. Jedes Pferd hat eine Hufrolle. Die Konstruktion aus Hufbein, Strahlbein, Schleimbeutel und tiefer Beugesehne wird so bezeichnet. Die tiefe Beugesehne kommt vom Karpalgelenk und setzt unten am Hufbein an. Kurz vor dem Hufbein läuft sie über eine Art „Umlenkrolle“, das Strahlbein, welches von einem Schleimbeutel geschützt wird.Deshalb heißt das Ganze auch Hufrolle. Krank ist ein Pferd nur dann, wenn es eine Hufrollenentzündung (Podotrochlose) hat. Dabei ist das Konstrukt aus Knochen, Sehne und Schleimbeutel – meist wegen Überbelastung – entzündet.

Irrtum 9: Barhuf-Pferde laufen genug Horn ab. In freier Wildbahn bei 16 Stunden Bewegung am Tag und unterschiedlichen Bodenverhältnissen ja. In der Box nein. Wer deshalb nicht alle sechs bis acht Wochen den Schmied zum Ausschneiden holt, handelt tierschutzwidrig.

Irrtum 10: Hufrehe ist eine Eiweißvergiftung. Zuviel Eiweiß tut keinem Pferd gut. Hufrehe allerdings ist, salopp gesagt, eher eine Zuckervergiftung, denn sie wird durch sogenannte Fructane, also Kohlenhydrate in den Pflanzen, verursacht. Diese sind je nach Wetterlage mehr oder weniger stark im Gras vorhanden. Scheint die Sonne und ist es überdies warm und feucht, so betreibt jede Pflanze Photosynthese. Das heißt, sie wandelt die Energie der Sonne in Wachstum um. Scheint allerdings nur die Sonne und ist es trotzdem bitterkalt und trocken, so speichert die Pflanze die Energie in Fructanen ab. Sobald es wieder wärmer und feuchter wird, werden die Fructane aufgelöst und fürs Wachstum verwendet. Daher gilt: Hufrehe-gefährdete Pferde sollten nur dann auf die Weide, wenn das Gras optimale Wachstumsbedingungen hat und keinen Zucker speichert. Darüber hinaus sollten die Weiden natürlich gemäht werden, um die Aufnahme von Kohlenhydraten möglichst gering zu halten.

Irrtum 11: Huffett hält die Hufe feucht. Jede Art von Fett legt sich lediglich auf die Oberfläche des Horns. Um einem Huf die nötige Feuchtigkeit zu verschaffen, sollte man ihm stattdessen regelmäßig Wasser zuführen. Am besten geht das, indem das Pferd morgens 20 Minuten lang auf die taufrische Koppel kommt. Alternativ kann man das Pferd eine Weile in einen Bach stellen oder die Hufe mit Eimern wässern. Anschließend etwas Oliven-, Lorbeer- oder Teebaumöl auf den Kronrand auftragen.

Irrtum 12: Hufteer ist gut gegen Strahlfäule. Da freuen sich die Fäulnisbakterien! Hufteer schließt den Huf luftdicht ab. Darunter können die Bakterien dann munter weitergären. Also auf betroffene Hufe niemals Hufteer auftragen, sondern den Schmied anrufen, damit er die verfaulten Stellen ausschneiden kann!

Irrtum 13: Hufabszesse können nur mit der Zange ertastet werden. Es stimmt, dass ein geübter Tierarzt oder Hufschmied einen Abszess durch Abdrücken mit der Zange finden kann. Wesentlich schmerzloser und effektiver ist allerdings ein Messgerät, das die Temperatur des Hufs auf ein Zehntel-Grad genau anzeigt. Damit fährt der Schmied über die Sohle und erkennt auf den ersten Blick, wo die wärmste Stelle ist – genau dort sitzt dann der Abszess.

Irrtum 14: Der Huf ist das Pendant zum Fuß des Menschen. Falsch. Wir Menschen sind Sohlengänger. Pferde sind Zehenspitzengänger. Das heißt, das Hufbein, also der unterste Knochen im Huf, ist vergleichbar mit unseren obersten Fingerknochen. Dementsprechend stimmt das Fesselgelenk mit unseren Knöcheln überein, die Röhre mit unseren Handmittelknochen und das Karpalgelenk mit unserem Handwurzelgelenk (nicht etwa mit dem Ellbogen oder gar dem Knie!). Der Ellbogen sitzt an der Vorderhand des Pferdes und das Knie an der Hinterhand – beides etwa auf Höhe des Rumpfs.

Irrtum 15: Die weiße Linie trennt das Hufbein vom Horn. Das Hufbein ist ein schwammartig poröser Knochen, der normalerweise niemals schwere Lasten tragen könnte. Er kann es nur, weil er innigst mit der tausendfach gefältelten Huflederhaut verbunden ist. Diese bildet mit einem passenden Gegenstück, der Hornkapsel, eine elastische Verbindung. Die Stelle, an der Lederhaut und Hornkapsel wie Finger ineinandergreifen, ist die sogenannte weiße Linie. Sie ist also genau genommen keine eigene „Schicht“ im Huf, sondern ein Zusammenschmelzen von Wandhorn und Sohlenhorn. Nur in diesem Bereich gesetzte Nägel können ein Hufeisen ordentlich halten. Weiter nach außen gesetzt, verliert der Huf das Eisen. Weiter nach innen kommt es zur gefürchteten „Vernagelung“, weil der Nagel „ins Leben“ trifft. Das löst beim Pferd Schmerzen aus und kann eine Infektion zur Folge haben.

Irrtum 16: Biotinmangel verursacht die meisten Hufprobleme. Es wird angenommen, dass nur etwa fünf Prozent der Hufprobleme mit einer Unterversorgung an Biotin zu tun haben. Alles andere ist eine Frage der Haltung, Pflege, Beanspruchung oder der grundsätzlichen Fütterung. Trotzdem ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Zufütterung von Biotin bei spröden und rissigen Hufen die Hornqualität verbessert.

Irrtum 17: Pferde sollen auf dem Tragrand laufen. Der US-amerikanische Hufschmied Gene Ovnicek beobachtete bei einer herde Mustangs, dass sie ihr Gewicht mit Sohle, Eckstreben und Strahl tragen. Der sogenannte Tragrand war bei allen Tieren komplet abgelaufen.

Irrtum 18: Die Eisen müssen genauso lang sein wie die Hufe. Während der sechs bis acht Wochen, die das Pferd mit den Eisen unterwegs ist, wächst der Huf ganz normal weiter. Dabei schiebt sich meist die Zehe nach vorn und die Trachten sacken ab. Um das zu verhindern, sollten die Schenkel der Eisen leicht überstehen. Dadurch unterstützen sie Trachten und Fesseln und die sitzen auch nach zwei Monaten noch korrekt.

Irrtum 19: Stellungsfehler müssen sofort korrigiert werden. Normalerweise lebt das Pferd schon eine ganze Weile mit seinem Stellungsfehler. Ob bodeneng, zehenweit, mit zu langer Zehe oder einseitig hohger Hufwand – das komplizierte Konstrukt aus Sehnen, Bändern und Knochen rund um den Huf hat sich darauf bereits eingestellt. Schneidet man jetzt den Huf sofort in Form, so sieht das nur äußerlich gut aus. Innerlich stehen jetzt unter Umständen sämtliche Knochen „schief“, Sehnen und Bänder werden überbelastet. Deshalb muss der Schmied in solchen Fällen langsam und überlegt vorgehen.

Irrtum 20: Jedes Pferd muss plan stehen. Das muss der Tierarzt oder Hufschmied von Fall zu Fall entscheiden. Bei Arthrose-Pferden kann es unter Umständen Sinn machen, sie um einige Grad schief zu stellen, nämlich zu der Seite, auf der sie sich von Natur aus mehr ablaufen, um die schmerzende Stelle zu entlasten. Der bayerische Hufschmied Klaus Grimm hat extra für diesen Zweck einen Huf-Achsmesser erfunden, der aufs Grad genau misst, wie das Pferd steht oder wie es sich krankheitsbedingt bei Arthrose schräg läuft.

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Gut behütet oder übertrieben verzärtelt? Pferde eindecken

Auch ich hab mich jahrelang gegen das Eindecken gewehrt, doch mein Goldjunge scheint mit seiner Regendecke auch wesentlich zufriedener zu sein, letztendlich muss jeder sein Pferd beobachten und es für sich entscheiden. Lästig ist es trotzdem ;-)!


Eindecken oder nicht eindecken?

Nahezu jeder Pferdebesitzer steht irgendwann vor der Frage, ob auch er sein Pferd im Winter eindecken soll. Tut er seinem Pferd damit etwas Gutes oder schadet er ihm sogar? Für die Dressur-Studien ist Swea Menser dieser Frage nachgegangen und hat Freizeitreiter und Profis befragt.

Pferd im Winter

The same procedure as every year?

Jedes Jahr im Herbst vollzieht sich in den Reitställen landauf, landab ein immer gleiches Ritual: Sobald die Tage kürzer werden und die Temperaturen unter die eigene Wohlfühlmarke sinken, fangen die ersten Pferdebesitzer an, ihre Vierbeiner einzudecken. Schnell ziehen weitere nach.

Die Reitsportindustrie hat sich schon längst auf den Decken-Boom eingestellt. Egal ob Abschwitzdecke, Fliegendecke, Stalldecke oder atmungsaktive Regendecke – es gibt nahezu alles, was das Reiterherz begehrt. Kaum eine andere Frage aber erhitzt die Gemüter von Reitern und Pferdebesitzern so sehr wie die, ob das Eindecken im Winter überhaupt sinnvoll und notwendig ist.

Die Decken-Befürworter führen ins Feld, dass sie ihren Pferden mit dem Eindecken eine Erleichterung verschaffen. Hella Ridder, Reitlehrerin und Dressurreiterin aus Nordrhein-Westfalen, deckt ihre Pferde rechtzeitig vor dem Wachstum des Winterfells ein. Sie will damit verhindern, dass das Fell zu dicht und lang wird und ihre Pferde bei der Arbeit zu stark schwitzen. Hella Ridder: „Seitdem ich das so praktiziere, trocknen meine Pferde nach dem Reiten viel schneller. Sie sind außerdem leistungsbereiter. Keines meiner Pferde hat seitdem gehustet.“ Die Besitzerin eines im Offenstall gehaltenen Vollblüters hingegen greift im Winter zur Decke, weil sich ihr Wallach bei nasskaltem Schmuddelwetter verspannt. Weiterer Vorteil des Eindeckens: Die Pferde sind immer trocken und sauber. Langes Putzen entfällt – eine Zeitersparnis gerade für berufstätige Reiter.

Nicht minder engagiert tragen die Decken-Gegner ihre Argumente vor. Ihrer Meinung nach benötigen gesunde Pferde überhaupt keine Decke. So sieht es auch die Reiterin einer 15jährigen Warmblutstute, welche ebenfalls im Offenstall wohnt. Die Besitzerin hat noch nie beobachtet, dass ihr Pferd im Winter friert. Im Gegenteil empfindet sie das Eindecken als schädliche Verweichlichung der Pferde und befürchtet, dass sich Pferde, die sich beim Wälzen in den Deckengurten verheddern, schwer verletzen können.

Aber wer hat nun recht? Ist das Eindecken hilfreich und nützlich oder schadet es vielmehr? Um das Fazit vorwegzunehmen: Es gibt keine allgemein gültige und auf jeden individuellen Fall übertragbare Antwort auf diese Frage. Auch die Experten sind sich hier nicht einig.

Das Wärmekraftwerk der Pferde

Unstrittig ist, dass Pferde über einen ausgeklügelten Mechanismus zur Wärmeregulation verfügen und Temperaturschwankungen von bis zu 40 Grad problemlos verkraften. Die Komforttemperatur für Pferde liegt zwischen minus 15 und plus 25 Grad, wobei sich das Optimum bei fünf Grad trockner Kälte befindet – also deutlich unter den Temperaturen, die vom Menschen noch als angenehm empfunden werden. Erst bei minus zehn Grad beginnen Pferde mit normalem Winterfell, über einen vermehrten Stoffwechsel für mehr Körperwärme zu sorgen.

Dr. Maximilian Pick, Fachtierarzt für Pferde aus dem bayerischen Icking, steht demzufolge auf dem Standpunkt, dass es zwar viele Gründe für das Eindecken gibt, aber nur wenige davon seien auch vernünftig. „Pferde, die artgerecht gehalten werden und deren Thermoregulationsmechanismus funktioniert, erkälten sich nicht, auch dann nicht, wenn sie in Zugluft stehen oder nass sind. Gesunde und artgerecht gehaltene Pferde brauchen also keine Decke,“ so Dr. Pick. Einzig bei einem Notfall – bei einer Kolik, nach einem Unfall oder bei schwerem Blutverlust – könne es medizinisch notwendig sein, das Pferd mit einer Decke vor einem weiteren Temperaturverlust zu bewahren. Eindecken, weil dem Menschen kalt ist und er dieses Empfinden auf sein Pferd überträgt, schadet laut Pick mehr, als das es nutzt. Eingedeckte Pferde könnten ihren Thermoregulationsmechanismus nicht mehr ausreichend trainieren. Ihr Organismus wird anfälliger.

Pauschale Antworten gibt es nicht

Picks Kollege Dr. Christian Schütte aus Bonn macht die Beantwortung der Frage davon abhängig, wie das Pferd genutzt wird. Bei reinen Freizeitpferden, die im Winter weniger geritten werden als im Sommer, empfiehlt er, auf das Eindecken zu verzichten. Dr. Schütte: „Ich habe lange Zeit in Bayern gearbeitet und dabei oft beobachten können, dass es Pferden mit gutem Winterfell noch nicht einmal etwas ausmacht, wenn Schnee auf ihrem Rücken liegt. Ihre Thermoregulation schützt sie davor, sich zu erkälten.“ Einzige Ausnahme für ihn sind Pferde, die alt, krank oder gegenüber nasskalten Witterungen besonders empfindlich sind.

Bei Sportpferden, die auch im Winter intensiv gearbeitet werden, verhindert frühzeitiges Eindecken laut Schütte, dass die Pferde ein zu dichtes Winterfell bekommen und zu stark schwitzen. Auf Scheren kann möglicherweise sogar verzichtet werden, was für Schütte sinnvoller ist. Geschorenen Pferden fehlt die isolierende Luftschicht, weswegen sie schneller frieren und sich auch leichter erkälten können.

Eine ähnliche Position vertritt der Vielseitigkeitsreiter Hinrich Romeike. Für Romeike gehören Scheren und Eindecken allerdings zwingend zusammen. Sein Pferd Marius, mit dem er die Mannschaftsgoldmedaille bei den Weltreiterspielen in Aachen 2006 gewann, wird im Winter unvermindert intensiv trainiert. Damit Marius nicht so stark schwitzt und nach dem Reiten schneller trocknet, wird er rechtzeitig geschoren. Eine Decke schützt ihn dann vor der Kälte. Frühzeitiges Eindecken, um das Fellwachstum zu beeinflussen, bringt Romeikes Auffassung nach nicht viel. Auch eingedeckte Pferde bekämen ein dichteres Winterfell und würden deutlich mehr schwitzen als ihre geschorenen Artgenossen. Solche Pferde würde man nach intensiver Arbeit kaum mehr trocken bekommen. Ungeschorene Pferde deckt Romeike nicht ein.

Jochen Schumacher vom FS Reit-Zentrum in Reken möchte die Frage nach Sinn oder Unsinn des Eindeckens nicht pauschal beantworten: „Pferdebesitzer sollten ihre Tiere gut beobachten und individuell entscheiden, ob ein Eindecken sinnvoll ist oder nicht.“ Für Schumacher ist dies abhängig von der Haltungsform, der Rasse, den Witterungsverhältnissen und dem Gebrauch des Pferdes. In den rassegemischten Gruppen in Reken beobachtet Schumacher häufig, dass empfindlichere Pferde mit feinerem Winterfell die zur Verfügung stehenden Unterstände auch bei nasskaltem Wetter oftmals nicht aufsuchen und schnell frieren. „Islandpferden und anderen Robustrassen kann auch der typische westfälische Winter mit Temperaturen um die 5 Grad plus und Regen nicht viel anhaben. Bei Warmblütern und vielen Vollblütern sieht das aber schon ganz anders aus. Ihr Winterfell schützt sie zwar gegen Kälte, aber nicht so gut gegen Nässe.“ Schumacher empfiehlt Besitzern empfindlicherer Pferde daher, ihre Vierbeiner mit einer leichten Allwetterdecke einzudecken, damit sie bei jedem Wetter den Auslauf mit Artgenossen genießen können. Für ihn stellt das Eindecken einen Kompromiss dar, den er gern eingeht, um allen Pferden ganzjährig eine Auslaufhaltung zu ermöglichen.

Ob das eigene Pferd nun im Winter eingedeckt wird oder nicht, diese Frage muss jeder Pferdebesitzer also individuell für sich selber beantworten. Den Vierbeiner genau zu beobachten und die eigenen Beweggründe für oder gegen das Eindecken selbstkritisch zu hinterfragen, sind Voraussetzungen für eine Entscheidung, bei der das Wohl des jeweiligen Pferdes immer im Vordergrund steht.

Quelle: http://www.dressur-studien.de/index.php/gut-beh-oder-trieben-verzelt-pferde-eindecken.html

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10 genetische Verhaltensweisen die man bei Pferden verstehen sollte!

Warum tut er das? Wovor hat er Angst … da ist nichts! Die meisten, wenn nicht alle Pferdebesitzer haben sich das bereits gefragt. Auch wenn wir nicht immer das Verhalten der Pferde verstehen –immer steckt ein Grund dahinter, oder? Absolut. Diese Verhaltensweisen stammen alle aus der Evolution und Pferdebesitzern können sehr stark vom Verständnis dieser Verhaltensweisen profitieren.

Es gibt 10 genetisch vorgegebenen Verhaltensweisen, einzigartige Qualitäten des Pferdes, die durch natürliche Selektion über 50 Millionen Jahre vom Pferd entwickelt wurden und sich zur Arterhaltung und dem eigenen Überleben bewährt haben. Die Nichtbeachtung dieser Qualitäten, sowie

ein Unverständnis der Pferdebesitzer, machen es unmöglich, eine optimale Kommunikation mit Pferden zu haben.

1. Flucht – Wir neigen dazu, die Flatterhaftigkeit des Pferdes als Dummheit zu werten. Aber wenn Pferde erschrecken und weglaufen ist es einfach ein angeborener Instinkt, der auftritt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Beutetieren, die Hörner, Hauer oder Geweihe zur Verteidigung haben sind Pferde mit einem einzigen Mechanismus bewaffnet: Mit ihrem Mechanismus “das Leben zu retten” und der Fähigkeit sehr schnell zu laufen. Die folgenden neun Qualitäten stammen aus der ersten Reaktion der Pferde, der Flucht.

2. Wahrnehmung – Das Pferd ist das scharfsinnigste aller Haustiere. Diese Qualität ist wichtig für die schnelle Erkennung und Flucht vor Raubtieren. Sehen wir uns einmal die fünf wichtigsten Sinne an:

Geruchssinn: Pferde haben einen sehr guten Geruchssinn, da wird sogar so manche Hundenase blass vor Neid.

Hören: Menschen hören in einem Frequenzbereich von etwa 20 000 Hertz. Ein Hertz = eine Schwingung pro Sekunde. Pferde hören mindestens bis zu 38 kHz, also bis zu 38 000 Schwingungen pro Sekunde. Pferde können somit im Ultraschallbereich hören. Zudem können sie die Ohren schwenken und das gibt dem Pferd die Möglichkeit genau festzulegen, woher die Klänge stammen und wie weit sie entfernt sind. Dies war auch entscheidend für das Überleben in der Wildnis.

Tastsinn: Ein Pferd ist sehr empfindlich, weshalb ein schlecht platzierter Satteldecke oder gar eine einzelne Fliege extreme Reizungen verursachen kann. Menschen haben diesen Sinn lediglich in den Fingerspitzen, das Pferd hat den Tastsinn über seinen gesamten Körper verteilt.

Geschmackssinn: Haben Sie schon einmal versucht unbemerkt Buta oder ein neues Ergänzungsmittel in das Pferdefutter zu mischen? Meist erhält man da lediglich ein Naserümpfen. Pferde haben einen sehr ausgeprägten Geschmackssinn. Bei Weiden in der freien Wildbahn ist es wichtig für Pferde zwischen gutem Gras und verschimmelten Futter zu differenzieren.

Sehen: Der Sinn, der sich am meisten vom Unsrigen unterscheidet ist das Augenlicht des Pferdes. Während die Pferde keine besonders starke Tiefenwahrnehmung haben, gibt es andere Faktoren, die Pferde ermöglichen Dinge zu sehen, die uns gar nicht wirklich bewusst sind. Die seitlich platzierten Augen erlauben Pferden eine nahezu 360° Rundumsicht, ein wichtiger Mechanismus des Überlebens für die wilden Equiden. Zusätzlich haben Pferde eine hervorragende Nachtsicht, ähnlich der einer Katze, aber lediglich in Schwarz-Weiss. Das Pferde-Fokussierungssystem unterscheidet sich auch sehr stark von dem der Menschen: Ein menschliches Auge benötigt im Schnitt etwa eineinhalb bis zwei Sekunden, um von Nah auf Fern umzuschalten. Pferde, auf der anderen Seite, machen den Übergang nahtlos. Dies liegt daran, dass sie verschiedene Teile des Auges zur Fokussierung verwenden. Pferde verwenden den oberen Teil ihrer Augen um Dinge aus der Nähe zu betrachten, weshalb sie oft ihre Köpfe dabei senken. Der untere Teil des Auges sieht weit entfernte Objekte scharf, weshalb das Tier seinen Kopf heben wird, wenn es etwas in der Ferne betrachtet. Wenn das Pferd seinen Kopf hoch hält, was es zwangsläufig tun muss um scharf zu sehen, ist es so aber auch gleichzeitig schneller in der Lage bei Bedarf zu flüchten.

3. Reaktionszeit: Pferde haben die schnellste Reaktion von allen domestizierten Tieren. Das ergibt sich wahrscheinlich daraus, dass Flucht der wichtigste Abwehrmechanismus des Pferdes ist. Während eine schnelle Reaktionszeit sehr nützlich für die Flucht vor Raubtieren ist, kann es aber auch für den Menschen rund um Pferde gefährlich werden. Wenn ein Pferd wirklich um sich schlagen oder zutreten will, könnten sich Menschen im Ernstfall nicht schnell genug entfernen.

4. Desensibilisierung: Obwohl Pferde von Natur aus flatterhaft sind und manchmal ängstlich, Desensibilisieren sich Pferde schneller als jedes andere domestizierte Tier. Wenn ein Tier auf der Flucht ist und dennoch an seinem Leben hängt, so ist es sinnvoll, gerade um Energie zu sparen, dass es die Fähigkeit hat, sich schnell zu Desensibilisieren ansonsten würden es auch vor ungefährlichen Dingen ewig davon laufen. Sobald das Pferd erkennt, dass der Reiz, der ihn erschreckt hat, nicht wirklich weh tut, wird die Mehrheit sehr rasch desensibilisiert.

5. Lernen: Der renommierte amerikanische Pferdepsychologe Miller ist davon überzeugt, dass das Pferd der schnellste Lerner aller heimischen Tiere ist. Wenn Sie durch die Flucht am Leben bleiben wollen oder müssen, so ist es besser wenn sie die Fähigkeit haben sehr schnell zu lernen.

6. Gedächtnis: Wer denkt, dass Pferde dumm sind, der irrt gewaltig. Die Merkfähigkeit des Pferdes ist unfehlbar. Sie haben eine der besten Erinnerungsfähigkeiten im gesamten Tierreich, sie sind nach den Elefanten gleich an zweiter Stelle, was diese Fähigkeit bertifft.

7. Dominanz: Equine Dominanz beruht nicht auf roher Kraft, weshalb wir Menschen eine Führungsposition in einer, so wie es der amerikanische Horseman Pat Parelli so treffend ausdrückt, Herde von Zweien, also Mensch und Pferd, der Leader sein können. In einer natürlichen Pferdeherde sind zumeist die älteren, erfahrenen und auch fairen Stuten die Führungspersönlichkeiten. Während diese in der Regel nicht in einem schlechten körperlichen Zustand sind, so sind sie sicher nicht das stärkste Mitglied einer Herde.

8. Kontrolle:  Pferde dominieren durch die Kontrolle der Bewegung. Dominante Stuten, zum Beispiel, behaupten ihre Führungsanspruch entweder dadurch, dass sie andere Pferde zur Bewegung zwingen oder in einer Bewegung hemmen. Dieser Umstand ermöglicht es uns Menschen, die Führung in einer Herde zu übernehmen.

9. Körpersprache: Im Gegensatz zu Menschen, die ihre Gefühle durch Worte ausdrücken können, sind Pferde rein auf die Körpersprache angewiesen. Wenn wir mit Pferden gerecht und natürlich interagieren wollen, müssen wir in der Lage sein die Körpersprache des Pferdes zu verstehen und zu imitieren.

10. Nestflüchter von Geburt an: Pferde kommen bereits voll Entwickelt zur Welt, was bedeutet, dass sie bereits kurz nach der Geburt auf ihren vier Beinen stehen können. Sie können sich sofort selbst ernähren, galoppieren, buckeln, fliehen und der Herde folgen. All ihren Sinne und neurologischen Funktionen sind vollkommen ausgereift. Kurz nach der Geburt ist eine der kritischen Lernphasen von Fohlen die die Bindung zur Mutter stärkt. Diese Phase können Pferdebesitzer für die Sozialisierung und Prägung der Fohlen auf dem Menschen sehr gut nutzen, auch Imprint genannt.

Natürlich ist jedes Pferd anders und sollte auch als Individuum behandelt werden. Das heißt, dass ein grundlegendes Verständnis wie ein Pferd „funktioniert“ vorhanden sein muss. Ein Reiter kann dieses Wissen sehr gut verwenden, um eine starke Beziehung zu dem Tier zu schmieden und auch einen sicheren Umgang in der Arbeit um ihn herum.

Quelle: http://www.nfwrc.com/cms/10-genetische-verhaltensweisen/

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Bericht über Leistungsfähigkeit durch artgerechte Haltung

Dass Jungpferde nur mit viel Bewegung auf großen Weiden gesund aufwachsen – da sind sich Experten einig. Dass viele Pferde aber über 60 Prozent ihres restlichen Lebens in der Box verbringen, kümmert nur wenige. Pferde brauchen Wind und Wetter, können durch Bewegung im Auslauf trainert werden. Gerade Sportpferde werden durch Offenstallhaltung leistungsfähiger und gesünder!


Offenstallhaltung, also artgerechte Haltung, ist nicht nur etwas für Freizeitpferde oder naturbezogene Pferdebesitzer. Sportlich genutzten Pferden, insbesondere Hochleistungspferden, bietet diese Art von Pferdehaltung mehr Möglichkeiten gesund und fit fürs Turnier zu sein. Der tägliche Auslauf des Pferdes übernimmt dabei einen Teil des Trainings. Denn dieses besteht nicht nur aus Bewegungsarbeit, sondern auch aus Faktoren, die die Gesundheit und Leistungsbereitschaft der Pferde unterstützen. Nicht artgerechte Haltung und mangelndes Bewegungsprogramm hingegen verursacht oft das Gegenteil: Gesundheit und Leistungsbereitschaft des Sportpferdes werden gehemmt oder sogar gänzlich zunichte gemacht.

Reiten, Fahren oder Longieren – das Training macht nur einen kleinen Anteil des sportlichen Erfolgs aus
Wenn man annimmt, dass die sportliche Eignung mit 20 Prozent genetisch vorgegeben ist, so bleiben 80 Prozent Umweltbedingungen, die das Ergebnis prägen. 4 Jahre (1 Jahr Trächtigkeit und 3 Jahre Aufzucht) gehen in der Regel mindestens der sportlichen Nutzung voraus. Wer würde bestreiten, dass die Haltung der Pferde in diesen Jahren von entscheidender Bedeutung ist? Der Mensch möchte das Pferd nun für bestimmte sportliche Zwecke ausbilden und nutzen. Ausbildung und Training von Reiter und Pferd sind für die Umsetzung der Ziele wichtig. Noch wichtiger sind dabei aber die Haltungsfaktoren: Ein krankes Pferd erbringt gar keine Leistung, ein nicht optimal gehaltenes Pferd erbringt eine schwache Leistung. Menschliche Hochleistungssportler stellen ebenfalls ihr gesamtes Leben auf die Leistung ab. Kein Bereich wird dabei außer Acht gelassen. Wer den ganzen Tag im Bett liegt, und nur einmal am Tag für eine Stunde hart trainiert, muss recht bald mit Verspannungen und Verletzungen rechnen. Zudem kann er selbstverständlich nicht mit demjenigen konkurrieren, der sich den ganzen Tag bewegt, physiotherapeutisch versorgt wird, sich gesund und leistungsbezogen ernährt und sich mit Trainingspartnern austauscht – also mit ganzem Herzen und Spaß bei der Sache ist. Warum sollte das bei Pferden anders sein?

Temperaturschwankungen trainieren den Vierbeiner
Um sich vorzustellen, welche Haltungsbedingungen das Sportpferd braucht, um bereits dadurch trainiert zu werden, muss man sich nur kurz vor Augen führen, wie das Pferd in Freiheit lebt, wofür es ausgerüstet ist und wofür es keine Mechanismen hat. Pferde sind Steppentiere und keine Höhlenbewohner oder Tiere, die im Wald leben. Die Steppe bietet wenig Schutz durch Bäume oder Geländeformationen. Sie bedingt große Temperaturschwankungen, im Verlauf der Jahreszeiten, aber auch zwischen Tag und Nacht mit einem Unterschied von bis zu 40 Grad Celsius, weiterhin viel Licht und volle Sonneneinstrahlung, Wind, Regen und Schnee. Pferde haben demzufolge eine sehr gute Hitze- und Kältetoleranz. Ihre Thermoregulation funktioniert kurzfristig durch Schwitzen, Aufstellen des Fells und über veränderte Durchblutung im Kapillarsystem der Haut, langfristig über Fellwechsel und Fettschicht. Dabei sind sie es gewöhnt, dass es nachts viel kälter ist als tags, und dass sie ständig mehr oder weniger Wind und Frischluft haben.

Pferde können Kälte, Temperaturschwankungen, Wind und Klimareize nicht nur gut vertragen

Pferde auf Wiese
Sondern brauchen sie für ihre Abhärtung und für ihr Training. Rote Blutkörperchen müssen als Sauerstoffüberträger gebildet werden, was ein gleichsinniger Trainingseffekt ist. Dagegen haben Pferde keinen Schutz gegen alles, was sich in stehender Luft ansammelt, da dies in der Natur für sie nicht vorkommt: dauerhaftes erhöhtes Aufkommen von Schadgasen, Staub und Krankheitserregern, Parasiten sowie gegen Zugluft. Die bei Matratzenstreu entstehenden Ammonikakdämpfe greifen das empfindliche Lungengewebe der Pferde an und zerstören es langfristig. Lungengewebe vernarbt und kann sich nicht wieder erneuern. Ebenfalls in der „Matratze“ bei Luftabschluss entsteht Schwefelwasserstoff, das die roten Blutkörperchen verändert und damit den Sauerstofftransport hemmt. Beides ist als Anti-Trainingeffekt zu bewerten. Jeder kennt auch Heustauballergien, chronische Bronchitis bis hin zur Dämpfigkeit.

Pferde brauchen Wind

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Durch Luftbewegugen werden Schadstoffe und verbrauchte Luft abtransportiert. Wind darf nicht mit Zugluft verwechselt werden (siehe auch Rri 2/04). Nur wenige Pferdehalter wissen aber genau, was Zugluft wirklich ist: Es ist eine Luftströmung, die nicht den ganzen Pferdekörper trifft, sondern nur einen kleinen Teil und die außerdem kälter ist als die Umgebungstemperatur. Zugluft kann folglich nur in Ställen entstehen, die wärmer sind, als die Außentemperatur und wo die Luft nur an bestimmten Stellen zirkuliert. In geschlossenen Ställen (Warmställen) kann im Winter die Forderung nach genügend Frischluft ohne Zugluft in unseren Breitengraden niemals zufrieden stellend erfüllt werden. Sie kommt dagegen im Offenstall gar nicht vor.

Pferde brauchen als Steppentiere auch viel Licht

Steppe
UV-Strahlen fördern das Wachstum und sind beteiligt am Knochen- und Muskelstoffwechsel (Bildung von Vitamin D in der Haut), zudem werden rote Blutkörperchen vermehrt (gleichsinniger Trainingseffekt). UV-Strahlen erhöhen außerdem die Resistenz gegen Infektionskrankheiten. Mangel an Tageslicht führt bei Pferden wie auch bei Menschen zu Blutarmut (Anämie). Dies bedeutet weniger Sauerstofftransport, aber auch eine verminderte Leistungsfähigkeit der Muskeln, weil der Kohlenhydrathaushalt gestört abläuft. Es wird vermehrt Wasser eingelagert (Anti-Trainingseffekt). Große Fenster im Pferdestall fördern das Wohlbefinden der Pferde, sind aber kein Ersatz für Tageslicht, da sie die UV-Strahlen absorbieren.

Offenstall heißt nicht unbedigt Matsche und Gruppenhaltung
Die Alternative zum geschlossenen Boxenstall lautet daher: Offenstall. Dies bedeutet aber nicht automatisch Gruppenauslaufhaltung. Das wird oft falsch verstanden. Ein Offenstall ist klimatisch gesehen zunächst ein Gebäude, das an einer Seite offen und nicht gedämmt ist. Ob sich in diesem Gebäude Einzelboxen, Boxen für 2 Pferde oder Laufställe befinden, ob sich ein Offenstall direkt auf einer Weide befindet, oder ein Paddock angeschlossen ist, oder sich vor jeder Box ein Kleinauslauf oder gar kein Auslauf befindet, ist damit noch nicht näher  bezeichnet. Alle baulichen Variationen sind möglich und können nach der jeweiligen Situation (eigene Pferde oder Pensionsstall, keine oder hohe Fluktuation, Raumangebot,  vorhandene Gebäude, Nutzungszweck und sportliche Verwendung) errichtet werden.

Offenstallhaltung und Offenstallmanagement -richtig praktiziert – ist allerdings eine Wissenschaft für sich. Sie hat nichts mit der Wellblechhütte auf dem Matschpaddock zu tun, wo jeder denkt: ein Fall für den Tierschutz. Sie ist auch nicht automatisch die kostengünstigste und zeitsparendste Haltungsform. Vielmehr müssen Baumaterialien, Abmessungen, Untergrund, Pferdebestand, Bewegungsmöglichkeiten, Pflege und Fütterung, sowie die Gewöhnung der Pferde sorgfältig geplant und aufeinander abgestimmt werden.

Ist Scheren und Eindecken tabu?
Sobald Pferde geschoren werden, damit sie im Winter bei harter Arbeit nicht zu stark schwitzen, und eine Decke erhalten, werden sie ihrer natürlichen Fähigkeit, die Körpertemperatur zu regulieren, beraubt. Hier muss man weiter Eindecken, damit das Pferd nicht erkrankt. Dennoch kann das Pferd mit Decke in einem Offenstall (oder Paddockbox) gehalten werden. Schwitzen Pferde im Winter stark in ihrem langen Haarkleid, gibt es Experten, die kurz das salzige Fell mit einem Schwamm abwaschen und es dann wieder rausstellen. Denn auch in der Natur schwitzen Pferde beim Laufen im Winter, trocknen dann wieder oder werden nassgeregnet. Häufig kommt es aber individuell auf das Tier an, dessen Gewohnheit, gesundheitlicher Zustand und die regionstypischen Witterungen. Sind Sie sich unsicher, können Sie sich bei einer Umstellung von Boxen- auf Auslaufhaltung gerne bei  der Kölner Pferdeakademie (siehe unten) informieren. (Text: Rika Schneider)

 

Quelle: http://www.ropehalter.de/

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