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Pferdehufe: 20 Irrtümer über weiße Hufe, lange Eisen und die Bedeutung des Strahls ein Bericht von Regina Käsmayr

Pferde haben vier Hufe und müssen regelmäßig zum Schmied. So weit sind sich noch alle Reiter einig. Was alles andere angeht, kursieren serienweise Ammenmärchen über den Pferdefuß, der eigentlich eine Zehenspitze ist. Gemeinsam mit dem staatich geprüften Hufschmied Klaus Grimm haben wir die  20 häufigsten Irrtümer zusammengefasst.


Irrtum 1: Weiße Hufe sind schlechter. Ist ein Huf weiß, so liegt das einzig und allein daran, dass im Horn keine Farbpigmente enthalten sind. Das gleiche gilt für die Haut unter allen weißen Abzeichen am Körper. Farbpigmente haben aber nichts mit Festigkeit zu tun. Dass immer noch viele Pferdebesitzer an die Schauergeschichten über weiße Hufe glauben, liegt einzig und allein daran, dass man Druckstellen, Hämatome und andere Veränderungen bei hellen Hufen besser und schneller sieht. In der Natur gibt es übrigens keine weißen Hufe. Diese Mutation ist ein reines Zucht-Produkt.

Irrtum 2: Jeder Huf trägt ein Viertel Pferd. Das hieße bei einem Warmblut von 600 Kilogramm Gewicht, dass jeder Huf 150 kg tragen müsste. Stimmt schon allein deshalb nicht, weil das Pferd in natürlicher Selbsthaltung 60 Prozent seines Gewichts auf der Vorhand trägt und nur 40 Prozent auf der Hinterhand. Dazu kommt noch die unterscheidliche Fußfolge der jeweiligen Gangarten. So stützt sich das Pferd im Galopp teilweise auf drei Beinen ab, teilweise aber auch nur auf einem. Der britische Hufschmied Gail Williams hat unter Einbeziehung sämtlicher Kräfte, wie beispielsweise der Fliehkraft im Galopp, berechnet, dass Hufe in der Einbeinstütze bei Spitzengeschwindigkeit bis zu 1000 kg tragen.

Irrtum 3: Acht Nägel in acht Löcher. Ein Schmied, der alle acht Löcher eines Hufeisens mit Nägeln füllt, hat noch nie etwas vom Hufmechanismus gehört. Bei jedem Schritt dehnt und weitet sich der Huf. Diese Formveränderung sorgt für die notwenidge Durchblutung des komplizierten Konstrukts im Inneren. Ein Beschlag vermindert den Hufmechanismus ohnehin. Bringt der Schmied allerdings nur drei Nägel auf jeder Seite ein, so bleibt der Bereich von den Trachten bis zur breitesten Stelle in der Mitte des Hufs unversehrt. Hier findet die stärkste Dehnung statt. Die siebte und achte Bohrung gibt es nur aus dem Grund, weil bei brüchigem Horn oder anderen Hufkrankheiten eine Ausweichmöglichkeit für Nägel da sein muss. Es bringt übrigens nichts, wenn ein Schmied die vorletzte Bohrung auslässt und stattdessen die letzte benutzt. Auch das schränkt den Hufmechanismus ein.

Irrtum 4: Druck auf den Strahl ist wichtig. Nach neuesten Erkenntnissen stimmt es nicht, dass der Druck auf den Strahl zwingend für den Hufmechanismus ist. Bisher hat man angenommen, der Hufmechanismus entstünde allein dadurch, dass in der Bewegung der Strahl wie ein Schwamm zusammengequetscht würde und dadurch eine Durchblutung stattfindet. Vielmehr scheint es nun so zu sein, dass vom Boden her äußere Druckkräfte auf alle unteren Teile des Hufes einwirken und von innen heraus das Gewicht des Pferdes das Hufbein leicht nach unten drückt. Berührt der Strahl den Boden nicht, so leiten eben Tragrand, Sohle und evtl. Eckstreben die Druckkräfte nach innen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man den Strahl einfach nach Belieben hochschneiden darf. Damit nimmt man dem Huf eine wichtige „Federung“ und begünstigt Zwanghufe und Stellungsfehler.

Irrtum 5: Der Schmied kann allein aufheben. Aufheben ja, aber nicht plan ausschneiden. Weil der Schmied beim Aufheben das Bein zwischen seine Knie klemmt, muss er es ein Stück weit unter dem Pferdekörper heraus in seine Richtung ziehen. Dadurch ist das Bein im Karpalgelenk abgeknickt und die untere Hälfte des Hufs ist nicht mehr parallel zum Horizont, sondern ebenfalls leicht abgeknickt. Das Ergebnis sind meist Hufe, deren äußere Wand höher ist als die innere – das führt zu einem falschen Abrollpunkt, einer ungleichen Lastaufnahme und nicht selten zu Chipfrakturen oder Sehnenproblemen.

Irrtum 6: Vorn 45 Grad, hinten 55 Grad. Laut Bilderbuch stimmt es, dass Vorderhufe einen Zehenwinkel von 45 Grad haben, Hinterhufe einen von 55 Grad. In der Realität sind Abweichungen bis zu 15 Grad völlig normal. Wichtig ist vielmehr, dass der Winkel des Hufs mit dem der Fessel übereinstimmt und beide Vorderhufe denselben Winkel haben, ebenso beide Hinterhufe. Kontrollieren und nachmessen kann man den Wert mit einem Hufwinkelmesser.

Irrtum 7: Ein Ballentreter tritt eben gut unter. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ein fleißig untertretendes Pferd tritt zwar mit den Hinterhufen in die Spur seiner Vorderhufe – oder sogar darüber hinaus – aber erst, wenn der Vorderfuß längst wieder abgehoben hat. Kommt es stattdessen zum berüchtigten „Klack“-Geräusch, so kann das verschiedene Ursachen haben. Erstens: Das Pferd ist im Rücken extrem kurz. Zweitens: Das Pferd ist überanstrengt und müse. Drittens: Es gibt Rittigkeitsprobleme wie das „Laufen auf der Vorhand“. Viertens: Die Zehen der Hinterhufe sind zu lang. Fünftens: Die Schenkel der vorderen Hufeisen sind zu lang.

Irrtum 8: Hufrolle ist eine Krankheit. Jedes Pferd hat eine Hufrolle. Die Konstruktion aus Hufbein, Strahlbein, Schleimbeutel und tiefer Beugesehne wird so bezeichnet. Die tiefe Beugesehne kommt vom Karpalgelenk und setzt unten am Hufbein an. Kurz vor dem Hufbein läuft sie über eine Art „Umlenkrolle“, das Strahlbein, welches von einem Schleimbeutel geschützt wird.Deshalb heißt das Ganze auch Hufrolle. Krank ist ein Pferd nur dann, wenn es eine Hufrollenentzündung (Podotrochlose) hat. Dabei ist das Konstrukt aus Knochen, Sehne und Schleimbeutel – meist wegen Überbelastung – entzündet.

Irrtum 9: Barhuf-Pferde laufen genug Horn ab. In freier Wildbahn bei 16 Stunden Bewegung am Tag und unterschiedlichen Bodenverhältnissen ja. In der Box nein. Wer deshalb nicht alle sechs bis acht Wochen den Schmied zum Ausschneiden holt, handelt tierschutzwidrig.

Irrtum 10: Hufrehe ist eine Eiweißvergiftung. Zuviel Eiweiß tut keinem Pferd gut. Hufrehe allerdings ist, salopp gesagt, eher eine Zuckervergiftung, denn sie wird durch sogenannte Fructane, also Kohlenhydrate in den Pflanzen, verursacht. Diese sind je nach Wetterlage mehr oder weniger stark im Gras vorhanden. Scheint die Sonne und ist es überdies warm und feucht, so betreibt jede Pflanze Photosynthese. Das heißt, sie wandelt die Energie der Sonne in Wachstum um. Scheint allerdings nur die Sonne und ist es trotzdem bitterkalt und trocken, so speichert die Pflanze die Energie in Fructanen ab. Sobald es wieder wärmer und feuchter wird, werden die Fructane aufgelöst und fürs Wachstum verwendet. Daher gilt: Hufrehe-gefährdete Pferde sollten nur dann auf die Weide, wenn das Gras optimale Wachstumsbedingungen hat und keinen Zucker speichert. Darüber hinaus sollten die Weiden natürlich gemäht werden, um die Aufnahme von Kohlenhydraten möglichst gering zu halten.

Irrtum 11: Huffett hält die Hufe feucht. Jede Art von Fett legt sich lediglich auf die Oberfläche des Horns. Um einem Huf die nötige Feuchtigkeit zu verschaffen, sollte man ihm stattdessen regelmäßig Wasser zuführen. Am besten geht das, indem das Pferd morgens 20 Minuten lang auf die taufrische Koppel kommt. Alternativ kann man das Pferd eine Weile in einen Bach stellen oder die Hufe mit Eimern wässern. Anschließend etwas Oliven-, Lorbeer- oder Teebaumöl auf den Kronrand auftragen.

Irrtum 12: Hufteer ist gut gegen Strahlfäule. Da freuen sich die Fäulnisbakterien! Hufteer schließt den Huf luftdicht ab. Darunter können die Bakterien dann munter weitergären. Also auf betroffene Hufe niemals Hufteer auftragen, sondern den Schmied anrufen, damit er die verfaulten Stellen ausschneiden kann!

Irrtum 13: Hufabszesse können nur mit der Zange ertastet werden. Es stimmt, dass ein geübter Tierarzt oder Hufschmied einen Abszess durch Abdrücken mit der Zange finden kann. Wesentlich schmerzloser und effektiver ist allerdings ein Messgerät, das die Temperatur des Hufs auf ein Zehntel-Grad genau anzeigt. Damit fährt der Schmied über die Sohle und erkennt auf den ersten Blick, wo die wärmste Stelle ist – genau dort sitzt dann der Abszess.

Irrtum 14: Der Huf ist das Pendant zum Fuß des Menschen. Falsch. Wir Menschen sind Sohlengänger. Pferde sind Zehenspitzengänger. Das heißt, das Hufbein, also der unterste Knochen im Huf, ist vergleichbar mit unseren obersten Fingerknochen. Dementsprechend stimmt das Fesselgelenk mit unseren Knöcheln überein, die Röhre mit unseren Handmittelknochen und das Karpalgelenk mit unserem Handwurzelgelenk (nicht etwa mit dem Ellbogen oder gar dem Knie!). Der Ellbogen sitzt an der Vorderhand des Pferdes und das Knie an der Hinterhand – beides etwa auf Höhe des Rumpfs.

Irrtum 15: Die weiße Linie trennt das Hufbein vom Horn. Das Hufbein ist ein schwammartig poröser Knochen, der normalerweise niemals schwere Lasten tragen könnte. Er kann es nur, weil er innigst mit der tausendfach gefältelten Huflederhaut verbunden ist. Diese bildet mit einem passenden Gegenstück, der Hornkapsel, eine elastische Verbindung. Die Stelle, an der Lederhaut und Hornkapsel wie Finger ineinandergreifen, ist die sogenannte weiße Linie. Sie ist also genau genommen keine eigene „Schicht“ im Huf, sondern ein Zusammenschmelzen von Wandhorn und Sohlenhorn. Nur in diesem Bereich gesetzte Nägel können ein Hufeisen ordentlich halten. Weiter nach außen gesetzt, verliert der Huf das Eisen. Weiter nach innen kommt es zur gefürchteten „Vernagelung“, weil der Nagel „ins Leben“ trifft. Das löst beim Pferd Schmerzen aus und kann eine Infektion zur Folge haben.

Irrtum 16: Biotinmangel verursacht die meisten Hufprobleme. Es wird angenommen, dass nur etwa fünf Prozent der Hufprobleme mit einer Unterversorgung an Biotin zu tun haben. Alles andere ist eine Frage der Haltung, Pflege, Beanspruchung oder der grundsätzlichen Fütterung. Trotzdem ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Zufütterung von Biotin bei spröden und rissigen Hufen die Hornqualität verbessert.

Irrtum 17: Pferde sollen auf dem Tragrand laufen. Der US-amerikanische Hufschmied Gene Ovnicek beobachtete bei einer herde Mustangs, dass sie ihr Gewicht mit Sohle, Eckstreben und Strahl tragen. Der sogenannte Tragrand war bei allen Tieren komplet abgelaufen.

Irrtum 18: Die Eisen müssen genauso lang sein wie die Hufe. Während der sechs bis acht Wochen, die das Pferd mit den Eisen unterwegs ist, wächst der Huf ganz normal weiter. Dabei schiebt sich meist die Zehe nach vorn und die Trachten sacken ab. Um das zu verhindern, sollten die Schenkel der Eisen leicht überstehen. Dadurch unterstützen sie Trachten und Fesseln und die sitzen auch nach zwei Monaten noch korrekt.

Irrtum 19: Stellungsfehler müssen sofort korrigiert werden. Normalerweise lebt das Pferd schon eine ganze Weile mit seinem Stellungsfehler. Ob bodeneng, zehenweit, mit zu langer Zehe oder einseitig hohger Hufwand – das komplizierte Konstrukt aus Sehnen, Bändern und Knochen rund um den Huf hat sich darauf bereits eingestellt. Schneidet man jetzt den Huf sofort in Form, so sieht das nur äußerlich gut aus. Innerlich stehen jetzt unter Umständen sämtliche Knochen „schief“, Sehnen und Bänder werden überbelastet. Deshalb muss der Schmied in solchen Fällen langsam und überlegt vorgehen.

Irrtum 20: Jedes Pferd muss plan stehen. Das muss der Tierarzt oder Hufschmied von Fall zu Fall entscheiden. Bei Arthrose-Pferden kann es unter Umständen Sinn machen, sie um einige Grad schief zu stellen, nämlich zu der Seite, auf der sie sich von Natur aus mehr ablaufen, um die schmerzende Stelle zu entlasten. Der bayerische Hufschmied Klaus Grimm hat extra für diesen Zweck einen Huf-Achsmesser erfunden, der aufs Grad genau misst, wie das Pferd steht oder wie es sich krankheitsbedingt bei Arthrose schräg läuft.

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