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Neuer Bericht von Stefan Ostiadal: Der Klassiker – Die Kontervolte

Volte in Außenstellung, Kontervolte, indirekte Biegung oder Counterbend Position (amerikanischer Ausdruck) – es gibt viele Begriffe für den Klassiker unter den gymnastischen Übungen im Westernreiten. Fast jeder Trainer verlangt diese Übung von seinen Pferden bzw. von seinen Reitschülern. Bevor wir jedoch versuchen diese Übung dem Pferd zu lehren, ist es natürlich von großem Vorteil, den Sinn und Zweck dieser Übung zu kennen.   Es nützt uns nichts, diese Übung zu kennen und zu können, sie aber dann in entscheidenden Momenten innerhalb unseres Trainings nicht zielorientiert einzusetzen. Das wäre verschenkte Mühe!   Was erreichen wir durch die Volte in Außenstellung? In erster Linie gymnastisieren wir dabei schwerpunktmäßig die Schulter des Pferdes und fördern ein Übertreten der Vorderbeine. Wann brauchen wir das? In allen Bereichen des Trainings versuchen wir die Kontrolle der Schulter zu behalten, um ausbalanciert und spurtreu unser Ziel zu erreichen. Jedoch kennt auch jeder von uns das Gefühl, wenn das Pferd nicht seine Spur hält, kippt oder in eine Richtung lehnt. Gerade die Schulterausrichtung des Pferdes wird innerhalb seiner Ausbildung stetig korrigiert, sofern wir technisch „korrekt“ reiten möchten.   Wenn wir die Schulterkontrolle vernachlässigen, bekommen wir Pferde, die die Ecken nicht auslaufen und abkürzen, Volten die sich wie Ostereier anfühlen und aussehen, Zirkel bei denen der innere Zügel immer schwerer wird, Galoppwechsel bei denen das Pferd in eine Richtung lehnt und nur vorne wechselt und Wendung die sich nicht flüssig anfühlen.   Kurz und knapp gesagt: Die Kontrolle und Ausrichtung der Schulter ist für viele Manöver und Lektionen das A und O! Wie Anfangs der Serie erwähnt, ist das Basistraining ein Fundament auf das ich immer wieder zurückgreife, um auch schwierigere Lektionen zu lehren, zu verbessern und zu korrigieren.   Wenn wir nun die Hilfen der Kontervolte aufschlüsseln, wird ganz schnell klar, dass es ein Zusammenspiel von mehreren Hilfen ist und ich es mit entsprechender Vorarbeit deutlich leichter habe. Um Kontervolten zu reiten, sollte ein Pferd sich stellen lassen, dem Schenkel weichen und einen begrenzenden Zügel akzeptieren. Auch spielt die Verlagerung des  Reitergewichts eine nicht unwichtige Rolle. Alles zusammen, mehrfach wiederholt und stetig verbessert, wird dann zur Routine und es entsteht eine „Leichtigkeit“ in dieser Übung.   Aus meiner Sicht sollten Pferde nicht mehrere Reiterhilfen gleichzeitig erlernen. Ich ziehe es vor, step by step vorzugehen und deshalb kommt innerhalb meines Trainings die Kontervolte erst wenn Voraussetzungen erfüllt sind und andere Hilfen bereits „im Pferd“ sind. Wer sich ein wenig an einen Plan hält und Zusammenhänge versteht, wird ganz schnell erkennen, wann der Zeitpunkt gekommen ist einen Schritt weiter zu gehen.   Wer die Serie bisher verfolgt hat, kennt die Ausbildungsschritte, die das Pferd bisher erlernt hat. Es war mir wichtig, dass das Pferd dem direkten Zügel nachgibt und willig seinen Kopf lateral zur Seite stellen lässt. Da ich dadurch jedoch nur Stellung und keine Lenkung habe, beschrieb ich in der letzten Ausgabe die Aufgabe und Wirkung des begrenzenden Zügels. Durch Reiten eines Sechsecks versuchten wir schwerpunktmäßig die Schultern (Lenkung) zu kontrollieren.  Erst wenn beide Voraussetzungen gegeben sind, arbeite ich nun an den Kontervolten. Vorher macht es für mich einfach keinen Sinn.  Ich würde das Pferd nur sinnlos überfordern und Reaktionen des Tieres bekommen, die mehr von Missverständnissen geprägt wären.  Deshalb die einfache Feststellung: Wer an Stellung und Sechseckreiten gearbeitet hat, wird es nun deutlich leichter haben. Wenn wir nach diesen Übungen an die Kontervolte gehen, dann ist das nichts anderes, als beide Übungen (Stellung & Sechseckreiten) miteinander zu kombinieren. Denn dabei stellen wird das Pferd in eine Richtung und lassen die Schulter vom Schenkel in die andere Richtung weichen.    Wie fange ich an?  Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, sinnvoll mit einem Pferd an diesen Übungen zu arbeiten. Ich beginne damit in der Regel an der Ecke des Platzes. Zuerst gehe ich einige Volten in Innenstellung und achte darauf, dass das Pferd locker wird und sich dabei wohl fühlt. Gehe ich z.B. im Uhrzeigersinn eine Volte und komme an die Bande, beginne ich den äußeren linken Zügel Richtung Sattelhorn zu führen, um das Pferd leicht nach links zu stellen. In der Lernphase erleichtert die Zügelführung über dem Horn die Aufgabe (ein in der Ausbildung weiter voran geschrittenes Pferd braucht das nicht mehr so deutlich, weil es dem Schenkeldruck deutlicher weicht!) Den rechten begrenzenden Zügel führe ich seitlich vom Pferd Richtung Voltenmitte. Dieser Zügel ist elementar wichtig, da er die Bewegungsrichtung unterstützt und, wie der Name schon sagt, stellungsbegrenzend wirken muss.  Schenkt man der Zügelführung des begrenzenden rechten Zügels keine Aufmerksamkeit, kann das Pferd sich u.U. viel zu weit nach links außen stellen und wir bekommen ein Problem.  Mein äußerer linker treibender Schenkel ist eine handbreit hinter dem Gurt und soll das Weichen der Schulter unterstützen. Der rechte Schenkel hat die Aufgabe, das Pferd in der Vorwärtsbewegung zu unterstützen und liegt etwa 2-3 Handbreit hinter dem Gurt. Mein Reitergewicht verlagere ich dabei ein wenig in die Bewegungsrichtung, also nach rechts. Auf keinen Fall knicke ich dabei in der Hüfte nach links außen um das Pferd „zu schieben“.    Mit diesen Hilfen und der begrenzenden Bande verlange ich nun einige wenige, vielleicht 2-4  Tritte an der Bande. In der Ecke mit Hilfe der Bande fällt es den Pferden meistens leichter und sie verstehen es besser als im „freien Raum“.  Nachdem das Pferd diese wenigen Tritte gemacht hat und die Bande geholfen hat, stelle ich das Pferd auf der Volte wieder nach innen und drücke mit dem inneren Bein „die Schultern wieder rüber“! Durch stetige Wiederholung zu beiden Seiten kann man von Tag zu Tag spüren, wie sich der Körper des Pferdes im vorderen Drittel leichter ausrichten lässt und das Pferd sicherer wird.   Aber Achtung! Durch den Beginn der Übung in der Ecke wollen wir natürlich dem Pferd nicht lehren, eine Ecke immer in Aussenstellung zu laufen und die Mittelhand nach innen zu drücken. Eigentlich wollen wir ja an dieser Stelle in der Regel das Gegenteil. Ein Pferd soll in Innenstellung die Ecke sauber auslaufen! Deshalb verlasse ich diese Position sobald ich spüre, dass das Pferd beginnt zu verstehen.   Verschiedene Linien im freien Raum Spüre ich die ersten Erfolge in der Ecke, verlagere ich die Volte an die lange Seite und nutze dort nur noch für einen Moment die Hilfe der Bande. Immer dann wenn meine Volte auf den Hufschlag trifft, stelle ich das Pferd wieder für 2-3 Tritte nach außen und verlange die Schulterkontrolle nun hier. Das gelingt in der Regel nun schon bald, da hierzu erneut die Bande genutzt wird.   Fühlt es sich von Tag zu Tag besser an, wird es Zeit die Übung in den freien Raum zu verlagern und an der Form und Leichtigkeit zu arbeiten. Hierzu begebe ich mich wieder auf eine Volte von 6-8m Durchmesser. Wie immer muss das Pferd sich erst zufrieden und gelöst auf der Volte bewegen. Und hier variiere ich komplett durch.  Gehe ich z.B. links herum, so versuche ich die Stellung beizubehalten (also links) und das Pferd mit den Vorderbeinen 2-3 Tritte in eine neue Volte nach rechts zu schicken – in eine Volten-Acht. Folgt das Pferd dieser Aufforderung und geht in Außenstellung in die neue Richtung stelle ich das Pferd nach 2-3 Schritten in der neuen Volte wieder nach innen und lasse es eine direkte Volte nach rechts gehen. Dann reite ich natürlich das Gleiche andersrum – aber Anfangs immer nur wenige Tritte !   Das Pferd sollte während der Übung mobil bleiben. Es ist normal, dass das Pferd durch die Außenstellung etwas langsamer wird. Aber auf jeden Fall sollten wir vermeiden, dass es stehen bleibt! Ich versuche in dieser Lernphase nie halbe oder ganze Kontervolten – nur wenige Schritte. Davon jedoch jeden Tag etwas mehr, bis ich ganze Volten reiten kann.  Es ist wie immer: In der Lernphase stellen wir dem Pferd eine Aufgabe und lassen unsere Hilfe solange anstehen, bis das Pferd die Lösung gefunden hat!    Auf die Form achten! Ganz gleich, ob ich nun erstmals in der Ecke beginne, die Position an die lange Seite verlege oder schon im freien Raum daran arbeiten kann: ich versuche von Anfang an, an der Durchlässigkeit zu arbeiten. Es ist normal, dass das Pferd am Anfang der Übung vielleicht etwas gegen das Gebiss geht und sich im Hals fest macht. Gerade deshalb ist es so wichtig nur 2-3 Tritte zu verlangen, bevor das Pferd sich noch fester macht und an Widerstand denkt. Meine Aufgabe ist es nun zu fühlen, wenn es eine Tendenz weicher wird in der Hand und beginnt nachzugeben. Manchmal beginnt das Pferd mit korrekten Schritten, ist aber fest im Hals und liegt auf der Hand. Beim dritten Schritt bietet das Pferd plötzlich etwas Nachgiebigkeit an und wird leichter in der Hand. Es ist von großem Vorteil dies zu fühlen und entsprechend zu reagieren. Es würde uns nichts nützen, wenn das Pferd zwar Kontervolten laufen kann, wir die Schultern dadurch kontrollieren und aufrichten können, aber das Pferd sich im Hals fest macht. Das Pferd soll im Laufe der Zeit lernen Funktion (Körperausrichtung) und Form (Durchlässigkeit) zu verbinden. Bei der Steigerung im Trab gehe ich nach der gleichen Reihenfolge vor. Ich beginne in der Ecke der Halle, usw.     Wann als Korrektur angewendet?   Basisübungen sind für mich eine Ansammlung verschiedener Werkzeuge, die ich gebrauche, um das Pferd zu korrigieren. Wenn ich nun mein Pferd in bestimmten Lektionen reiten will (Zirkel, Volten, gerade Linien, usw.) und ein Körperteil des Pferd bleibt nicht zwischen unseren Hilfen, hole ich die entsprechende Übung aus meiner „Werkzeugkiste“ und beginne unmittelbar damit zu „reparieren“ (korrigieren!)  Und diese „Werkzeugkiste“ enthält natürlich noch weiteres Werkzeug wie Schenkelweichen, Vorhand- Hinterhandwendungen, Kruppe herein, etc. Doch dazu in einer späteren Folge mehr.     Nachfolgend einige Beispiele wann ich eine Kontervolte als Korrektur einsetze.   Ein Pferd soll gerade links angaloppieren, nimmt dabei aber den Hals nach rechts und drückt mit der Schulter nach links statt geradeaus zu laufen. Korrektur = Konterbewegung nach rechts und erneut versuchen gerade nach vorne anzugaloppieren.   Auf dem Zirkel lässt das Pferd die innere Schulter fallen und der innere Zügel wird „immer schwerer“. Korrektur = Kontervolte nach außen.   Das Pferd springt auf dem Zirkel nach rechts im Galopp falsch an, weil es mit der Schulter deutlich nach innen drück und nicht vom inneren rechten Bein weg bleibt. Korrektur = Kontervolte (rechts gestellt nach links reiten) und daraus dann rechts anspringen lassen.   Beim Turn an einem Rind (Cuttingtraining) „schmeißt das Pferd die Schulter zuerst in den Turn“ („lean into the Turn“) Korrektur = Wendung abbrechen, Rind laufen lassen, Kontervolte reiten und daraus „trocken eine Wendung ohne Rind“ einleiten.  Das Gleiche gilt für den Rollback, wenn das Pferd sich in den Rollback lehnt. Generell sind Wendungen aus einer Kontervolte ein Klassiker im Rindertraining. Wenn wir uns vorstellen, dass ein Cuttingpferd während seiner Ausbildung in einem Roundpen den kleineren Kreis läuft und nach außen zum einzelnen Rind schaut, bewegt es sich in einer Konterbiegung. Diese Körperausrichtung erleichtert den nächsten Turn nach außen deutlich, weil dadurch die äußere Schulter aufgerichtet wird und besser über die Hinterhand schwingen kann.    Es gäbe noch etliche Beispiele aus allen Disziplinen, bei denen eine Kontervolte sinnvoll eingesetzt werden kann, um einen Bewegungsablauf zu optimieren bzw. zu korrigieren.  Und deshalb lehre ich diesen Klassiker meinen Pferden und versuche Beständigkeit und Leichtigkeit in diese Übung zu bekommen. Wir fangen langsam an uns verschiedene Basisübungen zu erarbeiten und stellen uns über Monate eine „Werkzeugkiste“ zusammen mit der wir dann sinnvoll an höheren  Aufgaben arbeiten können.

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Quelle: https://www.facebook.com/open.ranch.1#!/media/set/?set=a.460060567423594.1073741827.276426655786987&type=1

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Serie Starting Colts von Stefan Ostiadal

Ein Großteil dieses Artikels, war Kursinhalt in unserem Allaroundkurs mit Stefan. Für alle die nicht mitgeschrieben haben. 😉 Alle Teile seiner Serie findet ihr unter dem folgendem Link

Quelle: http://www.wittelsbuerger.de/wissen/2013/starting_colts_8.htm


„Colt Starter“, so nannte man in den USA die Personen, die fast ausschließlich für das Einreiten von Jungpferden zuständig waren. Oft verstand man unter „Colt Starting“ das schnelle Einreiten von Pferden, bis es aufgibt und nicht mehr buckelt. Die Methoden dabei waren oftmals alles andere als pferdeschonend, und der Job wurde nicht selten von ehemaligen Rodeoreitern übernommen – ein Vorgehen mit Konzept und Rücksichtnahme auf die Psyche des jungen Pferdes war dabei sehr selten. Damals war das Einreiten etwas für mutige Mannsbilder, und die Arbeit sollte meist in wenigen Tagen erledigt sein. Bodenarbeit war ein Fremdwort und nichts für „harte Männer“.

Die Zeiten haben sich geändert und – Gott sei Dank – herrscht bei uns ein anderes Bewusstsein, was den Umgang mit Pferden betrifft. Schon seit einiger Zeit weiß man, dass gerade die ersten Erfahrungen, die ein junges Pferd bei der Zusammenarbeit mit dem Menschen macht, von prägender Bedeutung sein können. Aus diesem Grund schätzt man heute ein solides Basistraining, weil es ein Fundament ist, auf das man immer wieder zurückgreift.

Nachdem ich das Pferd nun einige Tage mit dem Sidepull geritten habe, kommt nun die Zeit es mit der Trense zu arbeiten. Es ist sinnvoll das Pferd an diesen „Fremdkörper“ zu gewöhnen und deshalb ziehe ich ihm schon Tage vorher in seiner Box die Trense für 1-2 Stunden an. Das Pferd hat dabei Gelegenheit, sich an die neue Situation mit der Trense zu gewöhnen. Wenn ich das Pferd das erste Mal mit Trense reite, benutze ich keine Maulsperre. Es soll und darf noch mit dem Gebiss „rumspielen“ und es ist normal, dass es dabei auch gelegentlich sein Maul öffnet.

Da ich die ersten Wochen noch nicht an der Nachgiebigkeit durch das Genick arbeite, reite ich in dieser Zeit mit relativ viel Slack, also mit kaum anstehendem Zügel.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Pferde, die gleich ausgebunden werden, kurz nachdem sie die Trense erstmals im Maul hatten, sich oftmals sehr „maulig“ entwickeln.

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Deshalb gebe ich den Pferden anfangs Zeit sich an die Trense zu gewöhnen und habe ganz gute Erfahrungen damit gemacht. Wie am Anfang der Serie auch geschrieben, benutze ich während dieser Phase keinerlei Hilfszügel, auch wenn die unter Umständen für „mehr Form“ sorgen würden. Ich glaube daran, dass Pferde ihren Hals anfangs brauchen um sich auszubalancieren. Ein Ziel der ersten Wochen ist das „fallen lassen“ des Halses, Kontrolle des Takts und die ersten Anfänge von Geraderichten.

Um ein Pferd gerade zu richten, muss ich Kontrolle über den gesamten Pferdekörper erzielen.

Ich sehe immer wieder Reiter, die ein junges Pferd in der Anreitphase mit zahlreichen Hilfen überfordern und glauben, das Pferd könnte all diese Hilfen gleichzeitig erlernen und verstehen.

Können wir uns nicht alle an unsere ersten Fahrstunden im Auto erinnern? Verlangte der Fahrlehrer auch gleich das Lenken, Kuppeln, Schalten, Gas geben, usw.? Mein Fahrlehrer tat dies nicht. Er ließ mich erst lenken und Woche für Woche kamen weitere, neue Aufgaben auf mich zu. Genauso gehe ich bei einem jungen Pferd vor. Ich versuche erst die einzelnen Körperteile (Kopf, Schulter, Mittelhand und Hüfte) separat zu kontrollieren und wenn ich diese Kontrolle erzielt habe, kann ich versuchen, mehrere Hilfen gleichzeitig einzusetzen. Denn erst wenn das möglich ist, können wir ein Pferd „geraderichten“

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 Stellung und Kontrolle der Schulter

Im Sidepull erarbeitete ich mir, dass das Pferd dem direkten Zügel nachgibt. Das versuche ich nun mit der Trense wenn das Pferd steht und auch in der Vorwärtsbewegung. Es kann sein, dass das Pferd anfangs beim Aufnehmen des Zügels das Maul etwas öffnet. Ich ignoriere das und gebe – wie immer – dann mit dem Zügel nach, wenn das Pferd ansatzweise versteht.

Warum muss das Pferd dem direkten Zügel weich nachgeben? Dies erleichtert uns ungemein die erste grundlegende Gymnastik und irgendwann später wollen wir doch bestimmte Lektionen reiten, bei denen wir immer mal wieder das Pferd mit dem direkten Zügel (auch wenn später das innere Bein den direkten Zügel ersetzen soll) aufnehmen müssen.

Und wer will dabei schon eine schwere Einkaufstüte in der Hand haben.

Dem direkten Zügel nachgeben erleichtert also unsere Kontrolle. Manche Trainer nennen dies auch „Flexing“. Jedoch sehe ich gelegentlich auch Reiter, die das „Flexing“ aus meiner Sicht übertreiben. Es wird dabei Kontrolle gewünscht und das Pferd wird ununterbrochen fast 90 Grad nach links und rechts gestellt. Das Pferd bekommt keine Ruhe mehr im Maul und beantwortet dies nicht selten mit permanentem Schweifschlagen. Ich möchte, dass mir das Pferd willig nachgibt. Aber ich möchte das Pferd nicht dauernd damit belästigen, sonst geht irgendwann die „mentale Zufriedenheit“ verloren und wir bekommen einen „Wrangler“.

Außerdem glaube ich, dass Pferde zufriedener sind und sich besser bewegen können, wenn sie „gerade“ bleiben.

Nicht selten sehe ich Pferde, die auf einem 20 Meter Zirkel permanent nach innen gestellt werden. Sie laufen den großen Zirkel und sollen IMMER nach innen schauen. Das ergibt für mich keinen Sinn.

Wenn ich ein Pferd auf einem 20 Meter Zirkel vorstelle, schaut es bei mir nach vorne auf die Schiene in der es sich bewegen sollte und nicht nach innen. Erst wenn Kreise deutlich kleiner werden, haben auch bei mir die Pferde die Nase sichtbar innen. Aber bitte nicht falsch verstehen: ein Pferd sollte sich natürlich auf einem großen Zirkel bewusst nach innen und außen stellen lassen um es gymnastizieren zu können und Kontrolle über die Schulter zu erzielen. Nur permanent verlange ich diese Stellung nicht!

Wenn ich das Pferd nun stellen kann, habe ich noch lange keine Kontrolle der Lenkung, da diese sich in der Schulter abspielt. Erst wenn ich die Schulter des Pferdes kontrollieren kann, habe ich Lenkung. Und besonders Westernpferde sollten eine sehr gute Schulterkontrolle bekommen.

Es gibt viele Beispiele von Schulterkontrolle innerhalb der bekannten Lektionen. Wenn das Pferd aus dem Stand die Schulter langsam seitwärts bewegt, ergibt sich in der Regel daraus eine Hinterhandwendung. Die Schulter 180 Grad in die andere Richtung „springen“ zu lassen ergibt den Rollback. Aber auch ein guter Springreiter braucht die totale Schulterkontrolle, wenn sein Pferd den Sprung gemeistert hat und der Reiter eine enge, zeitsparende Abkürzung nehmen will. Aber wir kennen auch das Gegenteil: Der Reiter möchte auf dem Zirkel bleiben und das Pferd läuft „über die Schulter“ nach außen. Hier ging die Kontrolle der Schulter und die Akzeptanz des begrenzenden äußeren Zügels verloren.

Kurz und bündig – habe ich Kontrolle der Schulter, habe ich auch Kontrolle über die Richtung!

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Deshalb arbeite ich nach wenigen Tagen sehr bewusst an der Kontrolle der Schulter. Ich möchte den äußeren begrenzenden Zügel installieren und dazu verwende ich folgende Übung: Ich reite bewusst ein Sechs- oder Achteck und zwischen den Ecken gerade Verbindungslinien.

In der Praxis sieht es folgendermaßen aus: Auf dem Platz stelle ich mir dieses „Stoppschild“ vor und versuche die Linien erst mal nur in eine Richtung zu reiten. Auf den geraden  Verrbindungslinien zwischen den Ecken sollen meine Hilfen parallel sein – meine Waden passiv, aber leicht am Pferd angelegt, meine Hände mit breiterer Zügelführung und der Hals des Pferdes soll gerade bleiben. Komme ich an eine „Ecke“, gehen meine Hände leicht zur Seite (nach innen), sodass der äußere Zügel angelegt wird und begrenzend einwirkt.

Im gleichen Augenblick nehme ich den inneren Schenkel vom Pferd weg und erhöhe den Druck mit dem äußeren Schenkel. Da meine Pferde bereits von Boden gelernt haben dem Druck zu weichen, verstehen sie meistens schnell und gehen mit der Schulter den Schritt zur Seite. Nun wartet ja wieder eine Gerade von etwa 5-6 Metern, auf der das Pferd wieder „nur“ gerade laufen soll, bis es an der nächsten Ecke ankommt und ich das Gleiche erneut abfrage. Dort verlange ich mit denselben Hilfen, dass das Pferd den Schritt zwischen die Zügel macht. Es kann sein, dass ich Anfangs dem ganz jungen Pferd ein klein wenig mit dem direkten, inneren Zügel helfe, damit es besser versteht. Aber ich vermeide auf jeden Fall ein „nur am inneren Zügel ziehen“! weil das Lernziel ja der begrenzende äußere Zügel sein soll. Das Pferd soll, wie die Bezeichnung schon sagt, diesen Zügel als Begrenzung akzeptieren! Deshalb muss ich ihn auch einsetzen. Da Pferde durch Druck wegnehmen lernen, verlange ich an der Ecke auch nur 1-2 Tritte des Lenkens und dann soll das Pferd wieder ein Stück gerade laufen und sich entspannen können.
Bei dieser Übung wird noch etwas anderes berücksichtigt: Da Pferde zwei Gehirnhälften haben, die kaum miteinander transferieren, ist das mehrmalige Lenken zur einen Seite (an jeder Ecke) eine gute Maßnahme, dem jungen Tier zu zeigen was es tun soll. Es bekommt bei dieser Übung mit Hilfen eine Aufgabe gestellt und es soll die Lösung finden (dem Druck weichen und zwischen die Zügel gehen). Hat es die Lösung gefunden, lässt man es auf dem kleinen geraden Stück auch in Ruhe.

Warum nehme ich dabei den inneren Schenkel weg? Weil der innere Schenkel sonst schon eine zweite gleichzeitige Hilfe wäre, auf das sich das Pferd noch gar nicht konzentrieren kann.
Außerdem mache ich mit dem weggenommenen Schenkel die „Tür“ für das Pferd auf. Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund bei dieser Übung keinen inneren Schenkel zu benutzen: Ich möchte bei dieser Übung abbiegen und nicht biegen! Möchte ich ganze oder halbe Volten reiten, macht es später natürlich Sinn, den inneren Schenkel aktiv oder verwahrend einzusetzen, nachdem das Pferd diese Hilfe erlernt hat.

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Bei der beschriebenen Übung jedoch, möchte ich Aufmerksamkeit gegenüber dem äußeren Schenkel und Zügel. Wir befinden uns bei dem Erlernen dieser gymnastischen Übung noch am Anfang, also dürfen wir von unserem (Fahr)Schüler noch nicht zuviel verlangen! Und wie immer wenn wir neue Prozesse beginnen, müssen wir nun regelmäßig und mit Gefühl daran arbeiten. Es kann durchaus sein, dass der erste Versuch sich bescheiden anfühlt, das Pferd gegen den Schenkel drückt, sich vielleicht noch gegen den leicht angenommen Zügel wehrt und rum mault. Wenn ich ein Pferd das erste Mal auffordere zwischen die Zügel zu gehen und das Pferd drückt gegen meine äußeren Hilfen, dann strafe ich nicht gleich oder erhöhe den Druck ungemein. Nein, ich lasse das Pferd ruhig einige Meter dagegen drücken, achte aber darauf, dass sich mein Druck keinesfalls verringert! Das Pferd hat die Lösung noch nicht gefunden und es gefällt ihm auch nicht, dass da von außen noch immer Druck kommt und jemand den Zügel annimmt. Ich warte ab, bis das Pferd nur eine Tendenz weicht und belohne es sofort mit Druck wegnehmen. Es kann sein, dass ich mein geplantes Sechseck schon total verlassen habe. Dies spielt jetzt jedoch keine Rolle. Wichtiger ist, dass das Pferd die Lösung zur Druckminimierung finden muss. Auch wenn dies erst einige Meter später als geplant geschieht.

Der erste Tag, die erste Aufforderung, die erste Idee – sie fühlte sich oftmals wie eine schlechte „Fünf“ in der Schule an. Nun ist Gefühl und Timing angesagt. Zu fühlen, wann das Pferd zu verstehen beginnt – das ist die Aufgabe beim Training junger Pferde!

Keine Sorge, wenn der erste Versuch sich sehr bescheiden anfühlt. War es nicht genau so, als der junge Hund erstmals Leine und Halsband trug? Es gibt keine Hilfen die genetisch in Pferden verankert sind – auch nicht bei Quarter Horses – selbst wenn manche Züchter dies behaupten. Es ist immer ein Prozess des Lernens!

Üben ist nun angesagt! Wenn man ruhig und mit Plan bei der Sache bleibt, fühlt sich diese Übung morgen, nach weiteren Minuten wie eine „Vier“ an. Und am Ende der Woche haben wir ein „Befriedigend“ erreicht. Es wird noch paar Wochen dauern, bis daraus ein „Sehr gut“ geworden ist. Aber die Verbesserung ist das Ziel – nicht das Erzwingen der Note „Sehr gut“

Nächstes Mal:  Nach dem Stellen und der Schulterkontrolle nun der Klassiker: Die Kontervolte!

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