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Pferde Intelligenz: Können Pferde ihren Reiter austricksen? Ein Bericht von Regina Käsmayr

Urplötzlich geht Sammy nicht mehr an den Siloballen am Waldrand vorbei. Askan hampelt so lange am Putzplatz herum, bis er eine Karotte zugesteckt bekommt. Und Samira scheint körperlich nicht in der Lage zu sein, um die Ecken in der Halle auszureiten. In all diesen Fällen bekommen die Reiter früher oder später den Satz zu hören „Der verarscht dich doch nur!“ Doch können Pferde das wirklich?


„Vieles, was bei uns Verarschen genannt wird, entsteht in Wirklichkeit dadurch, dass wir bewusst oder unbewusst irgendeine Verhaltensweise des Pferdes belohnen“, sagt der Freiburger Zoologe und Verhaltensforscher Dr. Klaus Zeeb. Ähnlich sieht es Dr. Ursula Pollmann von der deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft: „Da wird vom Menschen sehr viel reininterpretiert. Die meisten Fälle sind einfache Lerngeschichten: Angenehmes wird wiederholt, Unangenehmes vermieden. Dadurch entkommen Pferde gewissen Belastungen.“

Dr. Dirk Lebelt, Fachtierarzt für Verhaltenskunde in der Pferdeklinik Havelland geht ebenfalls nicht so weit, dieses Verhalten als „Schauspielern“ zu bezeichnen. „Das hieße, man überlegt sich bewusst, in andere Rollen zu schlüpfen – ‚Ich spiele jetzt, dass ich krank bin’ – so weit kann ein Pferd nicht denken“, sagt Dr. Lebelt. Diejenigen Verhaltensweisen, die an Schauspielen erinnern, würden durch positiven Verstärkungen hervorgerufen. Also durch eine bewusste oder unbewusste Belohnung. Das so konditionierte Verhalten, setzt sich dann im Pferd fest. Am häufigsten sei eine unbewusste Konditionierung durch den Reiter.

Pferde „veräppeln“ sich auch gegenseitig

Zur Beruhigung für all diejenigen, die sich jetzt schon Vorwürfe machen: Pferde veräppeln nicht nur rangniedere Menschen. Der Hang zum Simulieren scheint ihnen auch in freier Wildbahn und gegenüber ranghohen Artgenossen angeboren zu sein: Dr. Zeeb bringt als Beispiel die Unterlegenheitsgeste des nicht erwachsenen Pferdes: Wird ein Fohlen von einem Artgenossen bedroht, so fängt es an zu kauen. Dadurch wird die Bedrohung beim Gegenüber blockiert. „In Dülmen sah ich immer wieder, wie eine ranghohe Stute diese Geste gegenüber einem Hengst machte. Sie suggerierte ihm damit ‚Ich bin ja nur ein Fohlen. Im Pferdekodex steht, du darfst mich nicht beißen!’“

Studien über simulierende und schauspielernde Pferde gibt es keine, weil sich diese Verhaltensweisen sich nicht provozieren lassen. Bleibt also nur, von Fall zu Fall genau hinzuschauen, um welche Art von Verhalten es sich handelt.

1. Möglichkeit: Konditioniertes Verhalten durch positive Verstärkung

Ein typischer Fall für konditioniertes Verhalten ist dieser: Ein Schulpferd möchte nicht in der Reitstunde mitlaufen und lässt sich deshalb vom Reitschüler nicht auftrensen. Dieser ist erstmal hilflos und geht wieder aus der Box hinaus. So lernt das Pferd: Aha, ich brauche mich nicht auftrensen lassen und habe dann meine Ruhe. Gleiches passiert bei einem Pferd, das herumhampelt und dafür mit einer Möhre belohnt wird. Und bei einem Tier, das sich nicht auf der Weide einfangen lässt und deshalb mit dem Hafereimer abgeholt wird. Selbst Lahmheiten können so entstehen: „Geht ein Pferd wirklich lahm, so wird es oft furchtbar gefüttert und betüddelt“, weiß Dr. Zeeb. „Danach sagt es sich: Wenn ich lahme, muss ich nichts schaffen.“

Leider, so der Verhaltensforscher, würden die wenigsten Pferde so korrekt geritten, dass sie Freude an der Arbeit haben. Sonst hätten sie solche Ausweichmanöver nicht nötig.

2. Möglichkeit: Schadenvermeidendes Verhalten

Simulieren findet nicht aus Angst statt. Wenn Angst im Spiel ist, handelt es sich um schadenvermeidendes Verhalten. Geht ein Pferd an derselben Stelle mehrmals durch, so will es nicht seinen Reiter ärgern. „Dabei handelt es sich um eine sehr elementare Reaktion des Fluchttieres Pferd“, sagt Dr. Zeeb.

Eine noch diffizilere Variante von schadenvermeidendem Verhalten ist es, wenn das Pferd nach einer schmerzhaften Erkrankung die Schmerzsymptome nicht ablegt. „Es ist möglich, dass das Pferd Angst vor dem Schmerz hat“, erklärt Dr. Lebelt. „Ein Pferd, das früher beispielsweise Probleme im Bereich des Nackenbandes hatte, hat Angst davor, in eine bestimmte Kopf-Hals-Haltung zu gehen, weil es mit dem Aufflackern des Schmerzes rechnet. Es wird deshalb auch dann noch mit dem Kopf schlagen, wenn das Problem längst nicht mehr besteht.“ Das ist der typische Fall einer negativen Verstärkung. Dasselbe Pferd könnte jedoch dieselbe Reaktion zeigen, wenn es überhaupt keine Angst vor dem Schmerz hat, sondern lediglich gelernt hat, dass es sich durch Kopfschlagen der Arbeit entziehen kann. „In solchen Fällen bleibt das Schmerz-Verhalten trotzdem bestehen, wenn das ursprünglich schmerzauslösende Element weg ist. Wegen der Belohnung.“, sagt Dr. Lebelt. Es ist sehr schwierig, solche Fälle auseinander zu halten.

3. Möglichkeit: Übertragung/Aufregung

Viele Reaktionen des Pferdes sind einfach eine Antwort auf die Stimmung des Reiters. „Viele Pferde werden unsicher, wenn der Reiter schon genau weiß: ‚Oh Gott, an der Siloplane geht er nie vorbei!’“, sagt Dr. Lebelt. Studien aus den USA beweisen, dass in Gruppen aufgezogene Pferde weniger leicht im Gelände erschrecken als Boxenpferde. Sie sortieren schneller, was wirklich gefährlich ist. „Boxenpferde brauchen mehr Bestätigung durch einen ranghohen Menschen“, so Dr. Lebelt.

Bekommen sie diese nicht, so kann das zu Angstreaktionen wie Scheuen und Durchgehen führen. Ist kein Angstauslösendes Element zur Stelle, kann ein unsicherer Reiter aber auch das unter 1) erwähnte konditionierte Verhalten auslösen. Dann entsteht der berühmte Fall des Reitschulpferdes, das nicht in die Ecken geht: Kaum sitzt der Reitlehrer drauf, geht es doch hinein. „Pferde wissen sehr genau zu unterscheiden, wann es sich lohnt, etwas zu tun“, sagt Dr. Zeeb. „Oder wenn Aushilfskräfte longieren: Da kommt das Pferd ständig zum Betteln, stellt sich quer, läuft Elipsen. Es simuliert Nicht-Können. Wenn nun aber der Chef kommt, braucht er nur seine Stimme zu erheben und alles klappt.“

Auch auf Turnier zeigt die Übertragung vom Reiter zum Pferd ihre Auswirkungen. Angst vor einem Sprung und Unsicherheit im Viereck breiten sich in Sekundenbruchteile auch auf die Pferde aus, die selbst das minimalste Muskelzittern des Reiters über die Zügel erkennen. „Pferde können auch von sich aus aufgeregt sein“, sagt Dr. Pollmann. „Sogar bei alten Turnier-Routiniers kommen immer neue, potentiell gefährliche Sachen ins Spiel. Manche kriegen schon eine Kolik, wenn sie nur sehen, wie der Hänger hergerichtet wird. Es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Dr. Lebelt vergleicht das mit dem Speichelfluss der Pawlowschen Hunde: Sobald im Vorfeld gewisse Zeichen gesetzt werden (Mähne einflechten, Hänger herrichten) so wissen Pferde, dass bestimmte stressige Situationen folgen werden (Turnier, Stallzelt, Hängerfahrt). Dadurch entstehen unwillkürliche körperliche Reaktionen.

4. Möglichkeit: Gesundheitliche Probleme

„Sobald jemand zum Probereiten kam, lahmte er“. Diese Geschichte kursiert in verschiedenen Varianten über zahlreiche Pferde, die verkauft werden sollten. Dr. Zeeb ist sich sicher, dass es sich dabei um ein Märchen handelt: „Das Pferd müsste dann ja wissen, dass es verkauft wird und das weiß es ganz sicher nicht. Wie sollte denn das gehen?“

Auch Dr. Lebelt und Dr. Pollmann halten diese Variante für unwahrscheinlich. „In der Regel stecken manifeste gesundheitliche Probleme hinter so etwas, die nur bei demjenigen auftreten, der das Pferd Probe reitet“, sagt Dr. Lebelt. So reite immerhin der eine Mensch aggressiver oder schonender als der andere. „Auch Stimmungsübertragung und Aufregung halte ich für mögliche Auslöser für eine solche Reaktion – wenn zum Beispiel der Besitzer das Pferd eigentlich gar nicht verkaufen will.“

Wie intensiv Pferde die Gefühle ihrer Besitzer lesen, sollte man nicht unterschätzen. Ende des 19. Jahrhunderts versetzte der „Kluge Hans“ die Welt in Aufruhr, weil er angeblich bruchrechnen, Bilder erkennen, die Uhrzeit lesen und Leute zählen konnte. Selbst sein Besitzer glaubte daran. Die errechnete Zahl gab der Kluge Hans durch Hufescharren bekannt. In Wahrheit las der Hengst nur derart genau die Anspannung vom Körper seines Gegenübers ab, dass er genau in dem Moment aufhörte zu scharren, wenn die erwünschte Zahl erreicht war.

Ein Fall für den Tierarzt sind auch phlegmatische Pferde und Ponys, die mit ihren meist sehr jungen Reitern stur geradeaus Schritt laufen, obwohl die Kinder mit vollem Körpereinsatz antraben wollen. „In der Regel gehen Pferde gern unter Kindern, weil sie nicht so stark gefordert werden wie bei einem Erwachsenen“, sagt Dr. Zeeb. Deshalb sollte man bei sehr phlegmatischen Pferden nachsehen, ob klinisch etwas nicht in Ordnung ist. Oft sieht man schon am Blick: Starrt das Tier trübe vor sich hin oder blinzelt es schelmisch unter seiner Strubbelmähne hervor? Dr. Pollmann weißt darauf hin, dass die Ursachen von Schmerzen oft lange und vergeblich gesucht werden. Man müsse sehr vieles Abchecken, vom schlecht sitzenden Sattel bis zum Gelenkchip, bis man eine sichere Diagnose stellen könne.

Pferde, bei denen der Verdacht auf ein schadenvermeidendes oder erlerntes Verhalten besteht, setzt man oft eine Woche lang unter Scherzmittel. Laufen Sie dann gut, wird es sich wahrscheinlich um ein körperliches Problem handeln. Laufen sie auch mit Schmerzmitteln schlecht, so liegt es nahe, dass das Pferd simuliert oder schadenvermeidendes Verhalten zeigt.

Diese Fragen sollten Sie sich stellen, wenn Sie die Ursache für ein bestimmtes Verhalten Ihres Pferdes herausfinden möchten:

  • Liegt es an der Führungsqualität des Reiters/Besitzers?
  • Ist das Pferd überfordert?
  • Hat es die Aufgabe nicht verstanden?
  • Ist die Hilfengebung falsch?

Autorin: Mit freundlicher Genehmigung von Regina Käsmayr

Quelle: http://www.barnboox.de/wissensdatenbank/fachartikel/pferde-intelligenz-k%C3%B6nnen-pferde-ihren-reiter-austricksen

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Lernverhalten beim Pferd

Pferde lernen

Wenn wir Pferde halten, dann bringen wir Ihnen ständig etwas bei. Nicht nur beim Reiten sind wir auf das Lernvermögen unserer Pferde angewiesen:

Wie soll sich das Pferd verhalten, wenn wir es führen?
Darf das Pferd dem Menschen auf die Füße treten bzw. es anrempeln?
Was soll ein Pferd machen, wenn es an eine “Leine” gebunden wird und plötzlich um den Menschen herumlaufen soll?

Da unsere Pferde sehr viel im Laufe ihres Lebens lernen, scheint es interessant mal ein wenig auf die Theorie zu schauen. Wie lernt ein Pferd? Wie funktioniert überhaupt das Lernen?

Was gehört alles zum “Lernen”?

Vorüberlegungen: Lerntheorien werden später “eher wissenschaftlich” noch erklärt. Zunächst scheint es interessant zu überlegen, was man sich selber unter Lernen vorstellt:

Zum “Lernen” gehört zunächst einmal ein Verhalten. Denn nur ein bestimmtes (äußerlich sichtbares) Verhalten nehmen wir an unseren Pferden wahr. Dann gehört noch etwas “Neues” (eine neue Situation, ein neuer Gegenstand) dazu. – Das Pferd hat gelernt mit einem bestimmten Verhalten auf einen neuen Gegenstand (auf ein “neues” Verhalten seines Ausbilders) zu reagieren. Wir sprechen vom Lernen!

Das Pferd muß also in irgendeiner Form aktivwerden,um zu lernen. Ein Pferd lernt beispielsweise, dass eine zunächst angsteinflössende Plane ungefährlich ist. Das Pferd lernt es, weil es dann doch nach einiger Zeit neugierig ist und sich der Plane nähert. Es beschnuppert vielleicht die Plane, kratzt vorsichtig mit dem Huf auf ihr herum……

Zum Lernen gehört also der Spieltrieb, die Neugierde, die Motivation von Seiten des Pferdes. Das Lernen lernenDamit unsere Pferde wirklich lernen können, müssen wir entsprechende Möglichkeiten schaffen. Hat das Pferd bisher erfahren, dass es immer nur bestraft wird, wenn es etwas versucht herauszubekommen – sprich etwas ausprobiert – dann wird es auch nicht mehr lernen. Es bleibt passiv – da es die Strafe fürchtet.

Wir müssen unseren Pferden den Raum lassen auch mal etwas “Falsches” auszuprobieren. Sobald es dann (zunächst vielleicht zufällig) das richtige Verhalten zeigt, wird es belohnt. Aber….

Wo ist denn nun die Grenze zwischen Bestrafung, negative und positive Belohnung / Bestärkung? Im Umgang dürfen wir nicht vergessen, dass Pferde um ein Vielfaches größer, schwerer und auch stärker sind als wir. Es ist einfach zu gefährlich, Pferden alles zu erlauben.

Loben

Motivation durch Belohnung

Hier scheiden sich häufig die Geister. In unzähligen Fachzeitschriften streiten sich die Experten. Belohnung durch Futter – Belohnung nur durch akustische Reize – Klickertraining etc.

Gehen Sie mal mit geöffneten Ohren durch einen Stall

Probieren Sie doch einfach mal Folgendes: Sie betreten eine Stallgasse am frühen Abend und stellen sich einfach mal ganz unbeobachtet in eine Ecke. Erleben Sie dann ganz bewusst einmal die Athmosphäre, die auf der Stallgasse herrscht.

“Jetzt bleib´doch endlich einmal stehen!”
“Kannst Du mir nicht mal gescheit den Huf geben!”
“Herrgott – jetzt bleib doch endlich mal still stehen!”
“Wie wäre es mal – wenn Du mal ´rum gehen würdest?”

Mehr oder weniger freundlich, werden Pferde angesprochen … Haben Sie eigentlich schon häufiger Pferdebesitzer erlebt, die ihre Pferde loben?

Loben fällt uns häufig schwer

Naja, ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht in Deutschlands Ställen … oder doch? Wenn wir ehrlich mit uns sind, dann fällt es doch schon auf, dass Loben viel schwieriger ist als Kritik. Gerade wenn man aus dem Stau noch schnell in den Stall kommt, ist man nicht gerade sehr ausgeglichen. In so einem Moment auch noch die Ruhe zu finden, das Pferd für richtiges Verhalten zu loben und zwar auch noch exakt im richtigen Moment fällt nicht immer leicht.

Dennoch….

Überlegen Sie in welcher Athmosphäre es Ihnen selber leichter fällt zu lernen bzw. zu arbeiten. Diese Athmosphäre sollten Sie auch versuchen für sich und Ihr Pferd zu schaffen.

Was bedeutet nun “loben”?

Wir brauchen selbstverständlich nicht jede Bewegung und jede Reaktion des Pferdes ununterbrochen zu loben. Das würde dem Pferd tatsächlich sogar lästig …

Motivation

Jede Reaktion im Zeitfenster von 2 – 3 Sekunden nach dem jeweiligen Verhalten gehört zur Bestärkung. Hier sollte mehr Augenmerk auf die positive Bestärkung gelegt werden.

Positive Verstärkung kann wie folgt aussehen:
– stimmliches Lob
– Futter / Futterbelohnung
– Ruhe(Pausen) anbieten
– Training beenden
– Streicheln etc.

Wichtig hierbei ist es, das Gefühl zu schulen, damit man sich in das jeweilige Pferd hineinversetzen kann. Es gilt zu erkennen, wie häufig Übungen wiederholt werden können, wie lange man nach einer Übung dem Pferd eine Pause gibt, wann man lobt etc. Timing ist wichtig.

Lernaufbau…. Vorgehen…

In der Verhaltensbiologie hat sich Folgendes herausgestellt: Zu Beginn einer Lernphase muss jeder Versuch (und sei er noch so klein) belohnt werden. Hat das Pferd einmal den Weg gefunden, was man von ihm will, belohnt man nur noch die deutlichen (richtigen) Versuche seitens des Pferdes die Aufgabe zu lösen. Ist die Aufgabe eigentlich schon gelernt, wird nur noch unregelmäßig belohnt – bzw. nur noch die wirklich tollen Ergebnisse (ggfs. um wieder neue Motivation aufkommen zu lassen – auch zwischendurch mal einen nicht ganz so gelungenen Versuch.)

Erlernte Hilflosigkeit

mit Strafe erziehen ………

Strafe funktioniert auch! (Leider…..)

Ein Pferd, das hauptsächlich mit Strafe ausgebildet wurde, kann ein nach außen hin recht erfolgreiches Pferd sein. Es zeigt sich “artig” und kann auch in seiner ausgebildeten Disziplin recht gute Leistungen bringen.

Ein Freizeitpferd, an das wir Anforderungen wie Zuverlässigkeit und Scheufreiheit etc. stellen, wird so ein Pferd aber bestimmt nicht. Das Pferd wird je nach Temperament mehr oder weniger heftig versuchen, dem Einflussbereich des Menschen zu entgehen. Keine gute Ausgangslage für ein Verlasspferd.

Ein Experiment …..

In Europa werden Experimente zur Erforschung der Verhaltensbiologie hauptsächlich an Mäusen und Ratten durchgeführt. In Amerika gibt es auch Experimente mit Menschen.

Dr. Alfonso Aguilar erzählte auf einem seiner Seminare über folgenden Versuch:

Man bildete zwei Studentengruppen.
Der ersten Gruppe gab man Aufgaben, die innerhalb von 15 Sekunden gut zu beantworten waren.
Die zweite Gruppe erhielt Fragen, die in 15 Sekunden nicht zu beantworten sind.
Alle Mitglieder der zweiten Gruppe erhielten bei jeder falschen Anwort einen kurzen Stromschlag (sprich eine unangenehme Bestrafung!)

Runde zwei:
Beide Gruppen erhielten nun identische Fragen. Gruppe eins konnte eine hohe Anzahl der Fragen beantworten. Gruppe zwei versuchte es überhaupt nicht mehr. Alle Studenten in der Gruppe zwei ware so “eingeschüchtert” und so in Erwartung der “Strafe”, die ja auf jeden Fall zu kommen schien, dass sie eher passiv das Experiment vorübergehen lies.

Erlernte Hilflosigkeit….

Der Begriff “erlernte Hilflosigkeit” wurde 1967 von den amerikanischen Psychologen Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier geprägt.
» siehe Wikipedia erlernte Hilflosigkeit – Experiment mit Hunden

So drastisch das Beispiel vielleicht auf den ersten Blick wirkt, im Nachhinein, dient es aber sehr plastisch zur Erklärung. Ohne Motivation werden unsere Pferde bald keine Versuche mehr starten neues Verhalten bzw. neue Verhaltensmuster zu zeigen. Unsere Pferde, werden vorsichtshalber nur noch Verhaltensmuster zeigen, bei denen sie “sicher sind”, dass keine Strafe folgt.

Helfen wir unseren Pferden, damit sie positiv lernen können!

Wir wollen unseren Pferden keine Hilflosigkeit beibringen – (in der Verhaltensbiologie als submissives Verhalten bezeichnet …. übrigens bei Versuchen mit Mäusen wurde nachgewiesen, dass sogar körperliche Gesundheitsprobleme bis zum Tod dadurch ausgelöst werden können!) – sondern …
… wir wollen ihnen neue Lektionen beibringen, wir wollen ihnen die Angst vor dem Hänger fahren nehmen, wir wollen ihnen beibringen gelassen auf Schrecksituationen zu reagieren usw. usw.

Strafe

Eigentlich gibt es nur eine Situation, in der Strafe angebracht ist. –> Die Sicherheit des Menschen ist gefährdet:
Das Pferd wird aggressiv, droht, beißt oder tritt… dann gilt es…. sofortauf der Stelle muss dem Pferd unmissverständlich klar gemacht werden, dass es seine Grenzen weit überschritten hat.

Hier nutzen wir die Strafe um ein Verhalten zu beenden! Lernen bedeutet aber nicht ein Verhalten zu beenden, sondern lernen soll ein “neues” Verhalten hervorbringen. Strafe beendet ein Verhalten!

Beenden wir alle Versuche des Pferdes, aufgrund unserer Hilfen ein Verhalten anzubieten, wird es mit der Zeit keinen Versuch mehr unternehmen zu reagieren.
Das Pferd stumpft ab – es resigniert – es wartet auf die scheinbar unausweichliche Strafe.

Motivation und ein Pferd mit Spaß an der Arbeit sieht anders aus!

 Quelle: www.pferdeleben.de

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Menschen und Pferde 2013

Ein paar Erinnerungen und Eindrücke aus 2013

Collage

Mehr Bilder und Impressionen findet ihr hier: http://www.openranch.de/kurse/

Ich wollte nicht versäumen einen kurzen Rückblick für das Jahr 2013 zu schreiben. Auf dem oberen Bild seht ihr ein paar meiner schönsten Eindrücke aus dem Jahr 2013. Es war ein unglaublich aufregendes, sehr lehrreiches und verrücktes Jahr. Nie hätte ich geglaubt so viele tolle Menschen kennen zu lernen. Ich hatte so viel Spaß, jeder Kurs war anders, immer besonders auf seine Art. Ich habe in den vielen Jahren vorher nicht annähernd so viel über Menschen und Pferde gelernt wie in dem vergangenen Jahr. Viele der Lehren machen jetzt erst Sinn, manches verstehe ich erst jetzt. Zusammenhänge werden klarer. Die Arbeit mit Pferden ist etwas besonderes und ich möchte es niemals missen!

Meine Mutter sagt immer Pferdeleute sind alle etwas „verrückt“ damit hat sie wahrscheinlich Recht. Letztens habe ich ihr einen Post aus Facebook vorgelesen, ich musste so sehr schmunzeln, meine Mutter hat nur mit dem Kopf geschüttelt. Jemand war krank und hat geschrieben nach langer Zeit endlich wieder im Stall und das misten macht so einen Spaß! Pferdeleute sind so herrlich anders! Menschen die damit nichts zu tun haben, können das nicht nachvollziehen. Das wir viel Geld für Dinge ausgeben, lieber eine neue Decke fürs Pony kaufen als uns ein paar neue Schuhe. Die Jagd und Pferd steht vor der Tür, wir fahren na klar hin. Obwohl alle sagen, eigentlich brauche ich ja nichts 😉 Und dann voller Tüten nach Hause kommen! Ich denke das ist eine Lebenseinstellung und nicht nur ein Hobby. Viele der Teilnehmer sind auch Freunde geworden, mit den meisten stehe ich noch immer im Kontakt. Im nächsten Jahr sehe ich ganz viele Gesichter wieder und freu mich sehr darüber. Auch kommen ganz viele neue „Verrückte“ dazu, die meisten Kurse sind schon jetzt fast vollständig schriftlich bestätigt und voll. Es gibt nur noch vereinzelt Plätze. Ich werde aufgrund der Nachfrage noch einige mehr planen. Für mich ein Erfolg mit dem ich nie gerechnet hätte und darauf bin ich sehr stolz!

Das Jahr 2014 wird nicht minder aufregend und interessant! Bin gespannt wievel Knoten noch platzen und wieviel Wissen noch dazu kommt….

Ich möchte mich bei euch alle bedanken, ihr alle habt dazu beigetragen das so ein Ort entstanden ist!

Ich wünsche euch schöne besinnliche Weihnachten und ein wundervolles neues Jahr 2014 mit viel Gesundheit und allem was ihr euch wünscht!

Marina

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Nachbericht Longenkurs mit Petra Hamer vergangegenes Wochenende

Mit vollem Erfolg haben wir den letzten Kurs in diesem Jahr abgeschlossen!


So viele tolle neue Leute mit so tollen Pony´s waren da. Es war ja bereits der zweite Kurs mit Petra Hamer und ich muss sagen auch ich habe diesmal wieder eine Menge dazu gelernt. So viele neue Übungen, neue Aufgaben und Erklärungen. Wie immer hast du Petra alle mitgerissen! Es war mir wieder so eine Freude dich bei uns zu haben! Dein Wissen erscheint unendlich. Dein Auge, fantastisch. Deine Geduld, schon fast unnatürlich. Deine Art zu unterrichten, die Leute da abzuholen wo sie stehen, sich auf jeden einzustellen, großartig. Da hast es geschafft, selbst bei schlechtem Wetter am Samstag jeden so zu motivieren! Toll! Ich habe so viel positives Feedback bekommen und bereits so viele neue Anmeldungen für 201 4 das du einfach noch einen zweiten Termin für uns haben musst ;-)! Schon jetzt wären beide Kurse ausgebucht. Viele der Zuschauer wollen direkt als aktives Mitglied beim nächsten Kurs dabei sein. Und das auch mit Recht, wie immer bin ich so verblüfft über die Veränderung der Pferde. So sind doch alle zu Beginn der Veranstaltung aufgeregt und übermütig, etwas unkonzentriert durch die vielen Pferde und neue Umgebung. Zum Ende sind immer alle so schön! Etwas anderes fällt mir dazu nicht ein, sie sehen alle so zufrieden aus, so stolz, so glänzend. Alle bekommen so ein Selbstbewusstsein, wachsen so sehr mit ihren „Menschen“ zusammen. Irgendwie scheint nach den Kursen alles so leicht zu werden, das Verladen, das Führen etc.

Die Pferd Menschen Kombinationen waren diesmal wieder so unterschiedlich, so tolle Pony´s waren dabei, das jüngste 2,5 Jahre als Vorbereitung auf das Reiten und die älteste Stute 20 Jahre.  Alle haben nach dem Kurs so an Schönheit gewonnen, Pferde die sehr unscheinbar wirkten, werden so „groß“. Für mich ein absolutes Highlight in der letzten Einheit: Eugen ein schweres Warmblut mit Anke. Himmel nochmal Anke hast du ein geiles Pferd! Eugen wird sonst gefahren und geritten und arbeitet seid unserem letzten Kurs auch nach dem Longenkurs. In der letzten Einheit ging es darum, die Versammlung aufzubauen und zu halten. Wie sehr sich ein Pferd während der Arbeit auf den Arsch setzen kann…. Wahnsinn!

Für viele von uns ist die Arbeit nach dem Longenkurs, ein fester Bestandteil im Training geworden. Auch wenn es so leicht nach außen aussieht, jeder der danach arbeitet, weiß wie schwer es ist. Schön das so viele mittlerweile danach arbeiten, eure Pferde danken es euch!

Möchte mich nochmals bei einigen lieben Menschen bedanken, die mich während des Kurses unterstützt haben, natürlich bei Petra H., Daniela, Janne, Petra B. und bei Moni. Auch bei den vielen Kursteilnehmern und Zuschauern, die so nett waren, mit denen ich in Kontakt bleibe. Viele die ich spätestens zum nächsten Kurs wieder sehen werde! Schön das ihr da wart!

Die Bilder zum Kurs werde ich schnellstmöglich einstellen!

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Die Schuld hat immer der Reiter?

Warum macht mein Pferd das nicht? Ich reite schon seit ich ein Kind bin, aber dieses Pferd! Ich liebe mein Pferd, aber! Ich habe schon mein Leben lang Pferde, aber! Mein Pferd mach dies nicht! Mein Pferd kann das nicht! Ich habe das beste Pferd, aber! Mein Pferd versteht nicht! Ich habe keine Angst, aber ich will nicht, dass mein Pferd dies oder das macht!

All diese Fragen und Feststellungen haben die selbe Ursache. Die Wenigsten werden zustimmen oder zugeben dass es so ist, aber dafür gibt es lediglich eine Antwort: „Du verstehst die Pferde nicht!“ In 99% aller Fälle ist dabei der Reiter schuld.

Wenn sich jedoch das Pferd am Boden oder im Sattel nicht so verhält, wie der Reiter dies will, kommen meist oben genannte Ausreden. Zudem auch noch erklärend hinzu: „Der ist mit dem linken Fuß aufgestanden“ oder auch „das liegt sicher am Wetter“.

Ray Hunt, einer der besten Horsemen der Welt sagte einmal zu diesem Thema: „Viele Reiter mogeln sich so durch. Hie und da werden ein paar Basisübungen ausgelassen und konsequente Übungsabläufe unterbrochen. Die Ausbildung eines Pferdes ist jedoch wie ein Puzzle und alle Puzzleteile müssen an der richtigen Stelle liegen. […] Für Reiter, die jedoch keine fundierte Ausbildung genießen konnten und deswegen bei dem Puzzle noch nicht einmal die Ecken des Bildes und somit die Eckpfeiler der Reiterei finden, wird es ganz schön schwer.“

Dies geschieht zumeist aus einer Vermeidungsstrategie heraus, die der Reiter einnimmt. Oft sind hier zu wenig Wissen oder Können, zu geringes Selbstwertgefühl sowie zuwenig oder falsche Empathie der Grund. Es wird zudem auch bei Pferden ein Gedankengut hinein interpretiert, dass das Pferd eigentlich so gar nicht hätte. Anthropomorphismus, so der lateinische Fachbegriff dazu. Man kann ein Pferd nicht mit einem Menschen vergleichen. Dazu ist das Denken, Handeln und Fühlen zu sehr unterschiedlich.

Oft wird von ReiterInnen auch gesagt: „Ich schau mir mal verschiedene Ausbildungskonzepte an und hol mir dann etwas davon raus.“ Ist das nicht wie: Ich lerne mal ein paar Wörter Französisch, Englisch und Latein und dann kann ich Esperanto sprechen?

Ein Pferd braucht einen Leader, eine Orientierungshilfe. An wem soll sich das Pferd orientieren, wenn nicht am Reiter? Bekommt ein Pferd keine konsequente Führung, so übernimmt das Pferd automatisch diese Führungsrolle und bestimmt dann selbst als Leader was zu tun ist.

Pat Parelli, amerikanischer Horseman und auch Schüler von Ray Hunt gibt zu diesem Thema immer wieder zu bedenken: „It is not about the problem, it´s about the relationship!“ Es geht nicht um das Problem, es geht um die Beziehung. Ein Pferd, dass dich akzeptiert und respektiert, wird machen wonach du frägst. Dies bedingt jedoch, dass wir konsequent mit den Pferden arbeiten. Denn wie soll sich ein Pferd auskennen, wenn du heute ein Verhalten belohnst und morgen das Pferd für selbiges Verhalten bestrafst?

75% aller ReiterInnen haben zudem enorme Defizite im Reiten. Sie kennen keine Abfußungsfolge, spüren nicht ob das Pferd auf der Vorderhand läuft oder wann es sich auf die Hinterhand setzt, wissen nicht wann man welchen Zügel wie einsetzt und von einem korrekten Sitz ist oft gar keine Rede.

„Reiten ist wie Tanzen mit dem Pferd“, stellte Buck Brannaman einmal in den Raum. Um aber gute Figuren tanzen zu können, muss ich wissen, wann welcher Fuß wo ist. Andernfalls werde ich mich selbst behindern. Wenn man beim Pferd nicht weiß, welcher Fuß gerade wo ist, werde auch ich mein Pferd in der Ausübung mehr behindern, als ich ihm helfe. Leichtigkeit, Gefühl und Timing ist das A und O im Reiten.

„Reiter sehen es nicht gerne, wenn Grenzen gesetzt werden. Am liebsten würden sie alles ohne Druck machen. Doch wie auch bei antiautoritärer Erziehung hängt das Pferd ohne eine Zurechtweisung oft in der Luft. Grenzen setzen ist meiner Meinung nach fair. Keine Grenzen zu setzen ist sogar oft unfair“ so Birger Gieseke, selbst ein ausgezeichneter und erfahrener Horseman aus Deutschland.

“Wenn ihr das hier begreift, wenn ihr das hier hinkriegt, dann macht euch das besser. Und zwar in Dingen, von denen ihr nie geglaubt habt, dass sie mit Pferden zu tun haben”, sagt Buck Brannaman zu Beginn seines Filmes „Buck“

Es ist an uns zu begreifen, dass das Pferd aus dem Trieb handelt, sich selbst und die Art zu erhalten. Das ist vernünftig, sonst gäbe es keine Pferde mehr. Der Reiter hat das zu respektieren und sein Handeln danach zu richten. Ein Pferd soll die Sicherheit bekommen, dass es tun kann, was der Mensch von ihm erwartet, ohne dass es sich aufgeben muss. In erster Linie muss der Mensch erkennen und lernen, weniger zu tun um mehr zu erreichen. Statt dass er, wie so oft, mehr und mehr Druck ausübt. Blind dafür, dass er so immer weniger erreicht.

Ray Hunt: “Jetzt geht da raus und lernt von euren Pferden. Versucht, es auf ihr Niveau hinaufzuschaffen. Statt sie auf Eures herunter zu zerren.”

Quelle: http://www.nfwrc.com/cms/reiter-schuld/

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Was bedeutet es wenn „das Pferd das Auge wechselt“? Ein Bericht von Leslie Desmond

Wenn du an Einreite- oder Horsemanshipkursen teilnimmst, wirst du zwangsläufig hören, wie wichtig es ist, dass Pferde leicht und geschmeidig das Auge wechseln können, ehe der Reiter zum ersten Mal ein Bein über dessen Rücken schwingen kann. Ohne auch nur den geringsten Zweifel daran aufkommen zu lassen, spricht Buck Branaman in seinen Kursen davon, dass “ das Verständnis darüber, wie und warum ein Pferd das Auge wechselt „, ein Menschenleben retten kann. Auf seinen Kursen kann man ganz junge, aber auch ältere Pferde sehen. Manche von ihnen sind so beunruhigt und geplagt, dass sie von einer Fliege oder einfach vor allem, was ihnen Angst macht, davon rennen wollen. An solchen Pferden wird einem immer und immer wieder klar, wie wichtig es für jeden, der mit Pferden zu tun hat, ist, mit dem grundlegenden und nötigen Überlebensinstinkt der Pferde umgehen zu können. Falls du einmal die Gelegenheit hast, Fohlen und Jährlinge lange genug zu beobachten, (nicht unbedingt die, die in einem Stall aufwachsen) wirst du sehen, wie die spezielle Wahrnehmung der Pferde, — kombiniert mit deren grundlegenden Überlebensreaktionen — ihnen hilft, Kraft und Beweglichkeit in den ersten Lebenstagen und -wochen zu entwickeln. Es braucht dich nicht zu erstaunen, wenn du perfekte Sliding stops, Seitengänge oder Wendungen, gar tadellose Passagen und Capriolen siehst. Das sind die natürlichen, makellosen Bewegungen der Pferde, welche uns veranschaulichen, wie das Pferd über seinen Verstand und Körper verarbeitet, was es über seine Augen von der Umwelt wahrnimmt.

Ich habe herausgefunden und es selbst erlebt, dass viele Menschen der Wahrnehmung des Pferdes zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Bevor nicht ein schmerzhafter Unfall passiert ist, werden Dinge, die ihre Ursache in der Unfähigkeit, „das Auge wechseln zu können“ haben, als Bagatelle eines neugierigen Pferdes abgetan. Man kann den Reitanfänger nicht dafür verantwortlich machen, da es für ihn noch hundert andere Einzelheiten zu beachten gibt. Er muss die Anweisungen des Reitlehrers ja auch noch beachten und bald wirbelte alles in seinem Kopf durcheinander. Es ist wirklich schwer und anstrengend eine völlig fremde Sichtweise, immer in seinem Kopf ganz vorne präsent zu haben. Ich bin allerdings zur Überzeugung gekommen, dass es bei der Arbeit mit Pferden äußerst wichtig ist, ihrer speziellen Art von visueller Wahrnehmung, einen hohen Stellenwert einzuräumen.

Die Sache mit diesen „wechselnden Augen“ kann und darf nicht bloß auf „wie macht man“ reduziert werden. Es gibt allerdings schon ein paar Dinge, auf die du bei deinen Pferden achten kannst, wenn du mit ihnen arbeitest. Es wird dir helfen, besser zu erkennen und zu verstehen – so funktioniert das Pferd. Ich hoffe sehr, dass diese Einführung zu den „wechselnden Augen“ jedem helfen wird, selbständig mehr Informationen des Pferdes erkennen und auswerten zu können.

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Auf diesem Photo sieht man, wie Leslie auf der rechten Seite der Stute beginnt. Sie bringt deren Vorhand nach rechts rüber ( wobei sie die Stute mit der rechten Hand auf der linken Halsseite auffordert, vom Druck zu weichen.)

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Um Leslie im blinden Bereich hinter ihr, nicht aus den Augen zu verlieren, geht die Stute lieber etwas vom Hufschlag weg, anstatt sich im Hals nach rechts zu biegen. Dieses Verhalten resultiert aus ihrem Instinkt und gibt ihr „Sicherheit“. Die Stute fühlt sich noch nicht so wohl, als dass sie Leslie mit ihrem rechten Auge beobachten möchte. Hier sieht man sehr gut, wie es sich verhält, wenn ein Pferd nicht leicht das Auge wechseln kann.

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Es waren einige Versuche nötig, bis dieser Mustang entspannt im Schritt gehen konnte, wenn Leslie ins Blickfeld seines rechten Auges kam. Zu Anfang hat er immer den Schweif eingeklemmt und ist im Roundpen davon gestürmt, bis er endlich auch die Nase in Bewegungsrichtung bringen konnte. Schließlich konnte er mit der Vorhand in beide Richtungen übertreten, ruhig aus der Wendung kommen, das Auge wechseln, wenn Leslie hinter ihm stand und dann auch ohne Verspannung weitergehen.

Was das Pferd nicht sieht

Die natürlichen „blinden Stellen“ eines Pferdes — der Bereich direkt vor und hinter dem Pferd — werden so genannt, weil sie Bereiche darstellen, die nicht zum natürlichen Wahrnehmungsbereich des Pferdes gehören. Um innerhalb dieser Bereiche zu erkennen, wer oder was von links nach rechts, oder von rechts nach links an ihm vorüber geht, muss das Pferd seine Kopfposition, seinen Hals, seine Vorhand und/oder seine Hinterhand verschieben. Das meinen wir mit dem „Wechseln der Augen“ . Deine eigene Sicherheit steht in direktem Bezug zur Fähigkeit deines Pferdes, das Auge leicht wechseln zu können oder nicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob du auf deinem Pferd sitzt oder am Boden bist. Die Geschwindigkeit, mit der ein Pferd sich bewegen kann, um für sich abzuklären, ob hinter ihm vielleicht ein Raubtier lauert, kann einen schon überraschen. Stell dir vor, es vermutet ein Raubtier, wenn du zum ersten Mal dein Bein über seinen Rücken schwingen willst. Das könnte ein Pferd im Kopf völlig außer Fassung bringen. Und dich dann auch.

Merke dir, dass das doppelte Absichern des blinden Bereichs nichts ist, worüber ein Pferd nachdenkt, oder gar um Erlaubnis fragt. Du irrst dich gewaltig, wenn du denkst, es müsste so sein. Als Reaktion auf eine erschreckende oder ungewohnte Bewegung, wird dein Pferd jeden seiner Körperteile, der ihm helfen kann, so schnell wie möglich zu entkommen, benutzen, wenn sein Überlebensinstinkt es ihm signalisiert. Dieser Vorgang ist so automatisch, wie das Blinzeln des Auges. Denke über folgendes nach: Scheut dein Pferd oder stürmt es davon, tust du euch beiden keinen Gefallen, wenn du es mit Sporen oder Gerte vorwärts treibst oder ruckartig am Zügel reißt, um es zu verlangsamen. Falls du so etwas einmal gelernt haben solltest, vergiss es ganz schnell und lerne um.

Wenn du dein Pferd drängst, sich mit seiner Angst zu konfrontieren, bevor du es nicht dahingehend vorbereitet hast, bei dir zu bleiben, wird das Pferd beim nächsten Mal mit großer Wahrscheinlichkeit noch heftiger, schlimmer reagieren – ganz zu schweigen davon, dass du zwischenzeitlich enorm viel Respekt eingebüßt hast. In so einer Situation ist der Preis menschlicher Ignoranz sehr hoch und die Folgen menschlicher Hartnäckigkeit sind oft fatal. Für deine und die Sicherheit deines Pferdes solltest du es wirklich sorgfältig darauf vorbreiten, sich in der Welt der Menschen sicher fühlen und sicher bewegen zu können. Nimm dir Zeit, das Pferd nimmt sich seine auch, und bedenke, dass es seiner Umwelt gegenüber sehr neugierig ist. Hier liegt nämlich auch der Ansatzpunkt, um dein Pferd so vorbereiten zu können, dass du bekommst, was du willst.

Wie das Pferd sieht

Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass es einen großen Unterschied macht, ob sich ein Tier mit Augen orientiert, die vorne im Kopf sitzen, oder mit solchen, die seitlich am Kopf sind. Pferde, Kühe, Ziegen, Hirsche und andere Beutetiere sehen mit solchen Augenpaaren. Raubtiere, wie Hunde, Katzen und Menschen haben die Fähigkeit, ihre vorne am Kopf sitzenden Augäpfel, hoch, runter, nach links oder rechts rotieren zu lassen. Obwohl wir beobachten können, dass Pferde beim Gähnen, wenn Mücken sie plagen oder sie Wasser in`s Auge bekommen, ihren Augapfel zurück unter ihr Oberlid rollen können, ist es dennoch so , dass die verlängerten Pupillen in einem verhältnismäßig stationären Augapfel zentriert sind. Das hat ein weit geöffnetes Auge mit binocularer und peripheraler Sicht zur Folge. Diesem Umstand hat es das Pferd zu verdanken, beim Weiden den Kopf nicht nach links oder rechts drehen zu müssen, um einen Radius von ca. 270 Grad überblicken zu können. Bringt man den Nasenrücken eines Pferdes um ein paar Grad in eine Richtung, reicht ihm ein kurzer Blick zur Beurteilung, ob eine wahrgenommene plötzliche Bewegung von einem Freund oder Feind ausgegangen ist. Genauso schnell beschließt es eine angepasste Reaktion, falls eine erforderlich ist.

Seine Bewegungen, seine Gedanken

Wenn ein Pferd nicht ganz sicher ist, was es sieht, kann es vorkommen, dass es schnell zur Seite springt, um aus einem anderen Winkel besser sehen zu können. Wenn ein Pferd Gefahr wahrnimmt, aber vielleicht seinem momentanen Standort oder gar seinen eigenen Fähigkeiten, einem Raubtier entkommen zu können, nicht vertraut, beschließt es unter Umständen, nicht zu fliehen sonder den Feind zu zertrampeln, um die Bedrohung loszuwerden. Möglich wäre auch, dass das Pferd zur Warnung schnaubt und einen Satz nach vorne macht, bevor es herumwirbelt, um sich dem Gegenüber zu stellen, welches es fürchtet. Minuten später, muss es sich vielleicht Luft machen, indem es eineinhalb Meilen hinausrennt, bevor es wieder in der Lage ist, anzuhalten, um dann in den Wind hinauszuschnauben. Es kommt immer darauf an. Mach dir klar, dass das charakteristische Benehmen des Pferdes — sein Instinkt, seine Natur — sich kein bisschen verändert, wenn du wie gewohnt auf ihm sitzt, und mit Sporen und Gerte versuchst zu erreichen, was du willst. Lerne kommende Probleme vorauszusehen und schon dementsprechend zu reagieren, bevor es dein Pferd tut. Je sensibler du wirst, um so besser und leichter wird es, mit deinem Pferd, statt gegen es zu arbeiten. Es kann hilfreich sein, sich einmal in die Situation des Pferdes zu versetzen.

Um herauszufinden, was es für das Pferd bedeutet, das Auge zu wechseln, kannst du selbst einmal im Vierfüßlergang auf dem Boden krabbeln. Geh ruhig ein großes Stück. Stell dir dabei vor, dass deine Augen zwischen den Backenknochen und Ohren liegen. Während du so krabbelst, versuchst du daran zu denken, alles auch immer mit dem neuen Auge zu betrachten. ( Ich selbst habe das viele Male getan und meine Schüler haben durch diese Übung ihr Geschick in Horsemanship verbessern können. Durch Ray Hunt wurde ich auf diese Übung aufmerksam. Auch er krabbelt bei Kursen auf dem Boden herum, um zu demonstrieren, wie Pferde mit ihren Augen die Umwelt sehen. Du wirst recht bald herausfinden, dass die Augen  zwar gleichzeitig, aber dennoch zwei unterschiedliche Horizonte wahrnehmen. Das Pferd hat also zwei völlig verschiedene Sichterlebnisse von der Koppel, dem Auslauf, der offenen Landschaft, der Strasse und dem Verkehr. Jetzt wirst du verstehen, was dir dein Pferd mitzuteilen versucht, wenn es wie eine Katze zur Seite springt und völlig steif herumwirbelt, um irgend etwas besser erkennen zu können.

Der Mensch hat eine Sicht der Welt, die das Pferd nicht verstehen kann. Trotzdem nimmt es seine Existenz in dieser Welt oft ruhig und zufrieden, geradezu dankbar an. In vielen Situationen erfährt das Pferd keine Vorbereitung, hat es keinen Anhaltspunkt, wodurch es wissen könnte, wie es etwas tun soll. Fehlschläge, Misserfolge, ob groß, ob klein, sind häufig das Resultat von dem, was viele als Routine erwarten und voraussetzen, „wie jedes Pferd behandelt werden können sollte“. (Hat schon mal jemand das Pferd gefragt)

In Pferdeanhängern, und überall an Anbindehaken, werden die Pferde mit der Erwartung angebunden, dass sie in der Lage sind, dort ruhig zu stehen. Wenn es nach dem Pferd ginge, würde es kein “ in der Lage sein“, oder „sollte“ geben. So zu denken ist nicht pferdegerecht. Wenn du nicht selbst zur Hälfte Pferd bist, ( es gibt Menschen, die das sind, aber die sind so rar, wie die Zähne einer Henne ) wirst du nicht wissen, wie das Pferd in einer Situation reagieren wird, bis du diese Reaktion siehst, bzw. erlebst. Und selbst dann weißt du wahrscheinlich nicht, was genau aus der Sicht des Pferdes passiert ist.

Ähnliche Missverständnisse sind auch über Pferde, die „professionell trainiert“ wurden, weit verbreitet. Die meisten Leute nehmen an, dass wenn ein Pferd schon trainiert wurde, es in der Lage sein sollte, gesattelt und geritten zu werden. Diese Pferde wurden trainiert, keine Frage. Aber, wie und für wie lange? Zu welchem Zweck? Mit welcher Vorbereitun?

Hier sind die wichtigsten Punkte, die ich abkläre, bevor ich ein Pferd anbinde oder mein Bein über seinen Rücken schwinge.

– Das Wichtigste: Weiß ich, wie gut das Pferd sein Auge wechseln kann

– Auch sehr wichtig: Kann es über einen Führstrick, der sich noch nicht angespannt hat, Verbindung zu mir aufnehmen

– Kann es diese Verbindung über längere Zeit aufrecht erhalten

– Lässt sich das Pferd fahren und von beiden Seiten mit einer fließenden, weichen Verbindung am Führstrick führen Kann es Hinterhand und Vorhand voneinander trennen und greift es in der Wendung gleichmäßig aus ( mit Vor- und Hinterhand )

Bereite dein Pferd auf das Wechseln des Auges vor

Vier hilfreiche Tips

Die nun folgenden Anregungen sollen helfen, ein Pferd darauf vorzubereiten, die Augen im Bezug auf Objekte vor und hinter ihm so wechseln zu können, dass es sich dabei wohl fühlt. Wenn du mit deinem Pferd übst und dann auch Fortschritte machst, wird die Wahrscheinlichkeit, von deinem Pferd geschlagen oder verletzt zu werden immer geringer. Außerdem beugst du Verspannungen und einer Einseitigkeit des Pferdes vor.

1. Bevor du dein Pferd zum ersten Mal anbindest, sattelst oder aufsitzt, musst du es auf alle Fälle im Schritt fahren und von beiden Seiten mit dieser fließenden, weichen Verbindung über den Führstrick führen können. Du solltest dein Pferd, leicht und willig vor und zurück bewegen können. Beim Führen genauso wie beim Fahren — du kannst von rechts nach links und von links nach rechts fahren. In beide Richtungen sollte dein Pferd die Vorhand ruhig überkreuzen und mit der Hinterhand nachgiebig sein können. ( sieh dir die Photos von vorher noch einmal an).

2. Hast du ein Roundpen zur Verfügung, kannst du folgendermaßen arbeiten. Bringe dein Pferd dazu, einen angenehm ruhigen Schritt zu gehen und genauso ruhig den Hufschlag zu verlassen, um in die andere Richtung weiterzugehen. Übe solange, bis du dein Pferd in Form einer Acht vor dir herschicken kannst, ohne dass es sich in den Wendungen verspannt. Es sollte seine Nase in die neue Bewegungsrichtung bringen und dich nach dem Richtungswechsel im Augenwinkel des anderen („neuen“) Auges sehen können. (sieh dir die Photos von vorher noch einmal an).

3. Arbeite, bis dein Pferd ganz entspannt in beide Richtungen wechselt. Arbeite auch an den Übergängen. Vom Schritt in den Trab, vom Trab zurück in den Schritt, wieder in den Trab, für einen oder einige Sequenzen in den Galopp und wieder zurück in den Trab. Aus diesem Trab soll das Pferd in einen energischen Schritt übergehen. Lass es ein paar Schritte gehen, bevor du es vom Hufschlag nimmst und dir dein Pferd gegenüber steht. Nimm dir solange Zeit, bis dein Pferd mühelos und entspannt von Schritt, Trab, Galopp, hoch und runter schalten kann.

3. Desensibilisiere dein Pferd mit dem Führstrick oder dem zusammengerollten Lasso. Du musst dein Pferd an Berührungen auf “ beiden Seiten und abwechselnd von einer zur anderen Seite“ gewöhnen. Alle Körperteile werden miteinbezogen: vom Hals angefangen, über Rücken bis zur Hinterhand. Hilf deinem Pferd entspannt und ruhig zu bleiben, wenn du es aufforderst, den kopf, Hals, seine Schulter, die Rippen, die Hinterhand und alle vier Füße einzeln zu bewegen, bevor du es anbindest, sattelst oder aufsitzt. Vergiss nie, dass du dich auf jedes Pferd und die speziellen momentanen Umstände ganz individuell einstellen musst. Es bringt nichts, etwas gewaltsam beschleunigen zu wollen. Es ist ein Prozess, der die Zeit braucht, die er braucht. Hast du bei deiner Arbeit das Gefühl, nicht sicher zu sein, solltest du jemand um Hilfe bitten, der sich mit dieser Arbeit auskennt. Vergiss nie deine eigene Sicherheit. Dein Körper ist eine kostbare einzigartige Ausgabe, welche nicht leicht zu reparieren und schon gar nicht zu ersetzen ist.

Text: Leslie Desmond übersetzt von Gabi Dold

Quelle: http://www.goodhorsemanship.de/

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Bericht über die Arbeit von Alfonso Aguilar

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Vom 9-11. September 2014 ist er bei uns und wird einen Kurs bei uns abhalten. 🙂 Die Vorfreude ist jetzt schon da !

9. September 2014: Bodenarbeitstag, Round Pen Arbeit, Kommunikation etc.

10.-11. September 2014: Bodenarbeit weiterführende Arbeiten und Reiten

Jeder Tag kann einzeln gebucht werden, Alfonso geht komplett auf eure Wünsche und Probleme ein. Alles kann individuell gestaltet werden. Wenn alle Informationen vorliegen werde ich den Kurs so schnell wie möglich veröffentlichen.

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Mehr zu Alfonso auch hier:

http://www.aguilarnaturalconcepts.com/German/html_german/germany.html


Lernen als Ausbildungsziel

Da Pferde nicht unsere Sprache sprechen, müssen wir ihre erlernen. Das tun wir am besten, wenn wir lernen, ‚wie Pferde lernen‘. Mit diesem Fachwissen ausgestattet, kann man dem Pferd individuell einen Lernweg aufzeigen, durch den es versteht, was wir von ihm wünschen. Alfonso Aguilar, Horsemanship-Ausbilder und Tierarzt, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Lernverhalten von Pferden und vermittelt diese Wissen in seinen praktisch orientierten Kursen. Seine Verständigung mit dem Pferd beginnt dabei am Boden.

Zögernd bringt Besitzerin Heike Merkisch ihren Braunen zum Round Pen. Kaum öffnet sie das Paneltor, schiebt sich das Pferd an der Besitzerin vorbei, zieht sie am Führstrick mit. Die Augen des Wallachs sind wach. Sein Körper gespannt. Kaum hat die 32-Jähre ihr Pferd vom Halfter befreit, dreht dieses auf der Hinterhand um und trabt zügig mit nach außen gebogenen Hals im Round Pen umher. Alfonso Aguilar steht ruhig neben ihr in der Mitte und lässt das Pferd gewähren. „Erst einmal kann er sich umschauen“, beginnt der Mexikaner seine Arbeit mit dem Kurspferd, „er erwartet schon von vorneherein, dass er Druck vom Menschen bekommt“, erklärt er. „Ich möchte seine Erwartungshaltung in den Menschen aber nicht erfüllen, sondern ändern.“ Der Horseman arbeitet zunächst nur mit dem Pferd alleine, während Merkisch das Verhalten ihres Pferdes und die Herangehensweise von Aguilar in Ruhe von Außen beobachtet. „Ich mache mit ihm keine freie Arbeit im Round Pen mehr, da ich es nicht schaffe, seine Aufmerksamkeit bei mir zu halten. Der Trainer, bei dem er kurzzeitig in Beritt war, hat ihn auf dem Zirkel gescheucht, bis er triefte vor Schweiß. Perino hat nun mal schlechte Erfahrungen im Round Pen gemacht“, erläutert die Besitzerin die Geschichte ihres Warmblutmixes.

Schlechte Erlebnisse vergessen Pferde nie

Aguilar, weiterhin passiv in der Mitte des Pens: „Pferde vergessen nichts. Das ist gut, wenn es um solides Training geht und schlecht, wenn sie traumatische Situationen erlebt haben. Diese sind meist nie wirklich aus ihrem Bewusstsein zu löschen. Man kann Pferden aber helfen, solche verankerten Ängste zu überwinden. Reiter neigen dazu, schnell aufzuhören, wenn etwas nicht gut läuft. Dennoch ist es wichtig, nicht aufzuhören, wenn gerade alles schief läuft, denn das ist dann das Bild, was das Pferd im Bewusstsein als zuletzt Gelerntes abspeichert. Am nächsten Tag wird das Problem dann noch größer sein“, beschreibt der Pferdekenner. Wichtig ist also, dass dem Pferd nach einer traumatischen Situation direkt gezeigt wird, das nichts gefährlich ist. Und dies geschieht bei ihm mit Ruhe, Schritt für Schritt. Und Ruhe, die hat der Horseman aus Mexiko. Seine bescheidene und unaufdringliche Art scheint das Geheimnis seines freundlichen und effektiven Umgangs mit Pferden zu sein, die sich schnell seinem Energiepegel anpassen.

Pferde ziehen sich in sich zurück

Das bedeutet aber nicht, dass der Ausbilder immer nur schlapp in der Mitte herum steht. Klar, deutlich und auch mal rasant agiert er, bleibt dabei aber immer aggressionslos und unaufdringlich in seinen Bewegungen. Kurswallach Perino, der wie ein aufgezogenes Uhrwerk seine Runden dreht, gibt er ziemlich schnell seine Wunschrichtung an. Er schneidet ihm den Weg ab und lässt ihn vom Seil weg in die andere Richtung wenden. „Perino schaltet mental aus. Es ist, als hätte er sich zurückgezogen und als wenn nur sein Körper die Abläufe abspult. Mental ist er gerade nicht zu erreichen. In so einem Fall unterbreche ich seinen eingefahrenen Modus. Das verwundert und verunsichert ihn zu beginn, gibt ihm aber die Möglichkeit, wieder frei zu denken und zu überlegen“, erklärt Aguilar. Ruckartig und schnell sind die Wendungen des Braunen, hektisch sein Auge. Doch dieses verändert sich. Aguilar positioniert sich immer wieder so neu, das der Wallach nachdenken muss. Dieser bewegt sich nun vorsichtiger, passt auf und versucht herauszufinden, was der Mensch will. Sein Blick wird fragender. Durch eine Pause gibt Aguilar ihm im richtigen Moment die Antwort: gut gemacht. Und schon ist das Pferd im Lernmodus, es ist hervorgekommen hinter seiner emotionalen Schutzmauer. „Nun bedarf es weniger ruhigen, gezielten Bewegungen des Maxikaners und Perino läuft ihm frei hinter her. Er bleibt neben ihm stehen. Die Spannung ist raus, das Pferd gäht. Viele Pferde tun dies in so einer Situation und manche Horsemen sagen: ‚er lässt die Schmetterlinge raus‘.

Tiere sterben, um Stress zu entkommen

Für Aguilar ist nun die Basis im Pferd für motiviertes Lernen geschaffen. Nun muss nur noch Besitzerin Merkisch dazu bereit sei, ihren eigenen Lernweg zu bestreiten. „Wenn etwas nicht klappt und Perino wieder einmal etwas tut, was mir nicht passt, frustriert mich das“, erzählt die Reiterin, der es dann an praktischen Möglichkeiten fehlt, die Situation ins Positive zu wenden. „Der mentale Zustand, in dem sich ein Reiter befindet, ist äußerst wichtig. Er entscheidet darüber, ob Lernen überhaupt möglich ist“, so Aguilar. „Viele Pferde geben innerlich auf, hören auf zu kooperieren und zu lernen, wenn der Mensch ihnen Aufgaben nicht verständlich vermitteln kann. Sie haben nicht die Chance, sich unseren Unzulänglichkeiten mit ihnen zu entziehen, wie Wildtiere es auf haben. Bei diesen Tieren gibt es nämlich den so genannten ‚Sudden Death‘. Wird ein Wildtier zum Beispiel gefangen und auf dem Boden mit Stricken gefesselt, kann es einfach sterben: es gibt auf und bekommt einen Herzstillstand. Pferde sterben nicht so schnell, aber sie werden – eingesperrt durch ihre heutigen domestizierten Lebensbedingungen in Stallungen oder auch auf Paddocks – frustriert. Wie dieser Wallach geben Sie auf und hören auf, zu kooperieren. Oder sie werden krank, bekommen Stresskoliken oder entwickeln ‚Untugenden‘ wie Koppen oder Weben.“

Frustrationen, die nicht lohnen

Und wie dem Pferd geht es dann meistens auch dem Reiter: klappen die Ausbildungsschritte mit dem Pferd nicht mehr, macht es nicht mehr das, was man möchte, wird der Reiter frustriert. Merkisch bestätigt dies: „Ich merke, wie sich in meinem Bauch ein Klotz formt und Frust steigt in mir auf. Ich weiß dann nicht, was ich machen soll, damit Perino das macht was ich möchte“. In der Regel fängt Gewalt da an wo wissen endet. Hier fehlt es also ‚nur‘ an den richtigen Ausbildungsschritten. Was mache ich, wenn…? Und diese Schritte müssen dann noch in der Praxis verstanden und umgesetzt werden. Keine Kleinigkeit. Aber durchaus machbar. „Auch der Mensch hat einen Lernrahmen und sollte offen für Neues sein, aber auch selbstkritisch und fair zu sich“, rät der Horseman. „Klappt etwas nicht, sollte man ‚immer‘ einen Schritt zurückgehen und nachdenken. Der Mensch sollte alles Erdenkliche tun ‚wollen‘, um zu loben und Freude zu haben. Funktioniert etwas nicht und Frust kommt auf, kann man zu einer Lektion zurückgehen, die klappt, das Pferd dafür loben und
sich über den gelungenen Moment freuen“.

Schritt für Schritt für Pferd und Reiter

Perinos Besitzerin lernt die ersten Schritte dazu im Round Pen: Hier ein bisschen mehr Druck, hier weniger, seitlich wegdrehen, schneller oder langsamer gehen, weniger Energie oder mehr – keiner hat gesagt, dass es leicht ist, neue Abläufe im Körper zu etablieren, aber mit etwas Übung gelingt es und Spaß macht es mit dem Fokus auf kleine Erfolge auch. Perino läuft nun auch seiner Besitzerin hinterher. Dies ist keine Soap-Story zum Thema ‚Pferdenanny‘, sondern die ersten kleinen Ausbildungsschritte zu adäquater Bodenarbeit im Sinne des Pferdes. „Hier ist nichts magisch an der Sache. Wir verstehen nur ein bisschen mehr, wie ein Pferd handelt und mit dem Wissen können wir uns dem Pferd gegenüber richtig verhalten. Das ist alles.“ Und jeder, der will, kann lernen, gefühlvoll und artgerecht mit seinem Pferd zu kommunizieren.

Text & Fotos: Rika Schneider

Quelle: http://www.goodhorsemanship.de/

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